150 - Kolping DV Speyer

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Pressemitteilung:

„Adolph Kolping ist mitten im Herzen des Evangeliums“

Speyer: Kolpingwerk feiert 150-jähriges Jubiläum - Predigt von Bischof Wiesemann im Kaiser-dom – Vorstellung des Kolpingevangeliars – Festrede von Dr. Bernhard Vogel, Ministerpräsident a.D.
Speyer / Kaiserslautern (26.11.2014 / ko-tb). - „Das ist der Herz des Evangeliums: Das sich Hineinver-setzen in das Herz des Leidenden, das Schauen mit den Augen der Armen! Wenn das so ist, dann ist Adolph Kolping mitten im Herzen des Evangeliums“, sagte Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann in seiner Predigt am Christkönigsfest vor mehr als achthundert Gläubigen und Kolpingmitgliedern im Hohen Dom zu Speyer. 150 Jahre Kolpingwerk in der Diözese Speyer heiße, 150 Jahre das Herz des Evangeliums mit Kopf und Geist, mit Hand und Fuß Gestalt geben. Dafür dankte der Bischof dem katholischen Sozialverband und seinen 60 örtlichen Kolpingsfamilien, die mit ihren Bannern in den Chor der Speyerer Kathedrale eingezogen waren.
In der Gerichtsrede des Matthäus (Matthäus-Evangelium 25, 31-46), so der Bischof weiter, begegneten wir einem König, der alle richten wird. Die Verstorbenen müssten sich vor diesem König rechtferti-gen, der sich radikal identifiziert mit den Armen, den Notleidenden, den Verlorenen und Vergessen. Matthäus konkretisiere hier den Umkehrruf des Markus zu Beginn seines Evangeliums: „Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium“ (Markus-Evangelium 1,15). Jesus verkünde hier das Gegenreich zur Welt. Es sei die große Herausforderung, ja Revolution des Christentums, dass die Welt von der Schattenseite der Geschichte, aus dem Blickwinkel der Ver-lierer, Habenichtse, Gescheiterten beurteilt wird. „Jede Macht wird vor diesem König machtlos. Alle Allmachtsphantasien der Menschheit zerbrechen vor ihm“, so der Bischof wörtlich. Die Liebe, die in Jesus Christus offenbar wurde, sei das eigentliche tiefste Geheimnis Gottes in der Welt.
Kolping habe im 19. Jahrhundert mitten in den Herausforderungen und Kämpfen der industriellen Re-volution gestanden. Die bisherigen gesellschaftlichen Strukturen, die Auskommen, Zugehörigkeit und Sicherheit gaben, seien zerbrochen: Wirtschaftliche Ordnung, die Familien, die religiösen Bindungen. Bitterste Armut, Hungersnöte, soziale und spirituelle Entwurzelung seien die Folgen gewesen. Die neuen Orden mit ihren sozialen Diensten, Männer wie Paul Josef Nardini und Bischof Kettler suchten Antworten der Kirche auf die Not der Menschen. Und mitten darin das Werk Adolph Kolpings. Dass die Kolpingsfamilie Dahn mit dem Nardini-Preis 2014 des Caritas-Verbandes ausgezeichnet worden ist, zeige die Nähe und geistige Verbundenheit Adolph Kolpings und Paul Josef Nardinis.
Bischof Wiesemann nannte drei Aspekte, die für das Kolpingwerk charakteristisch seien: Beheimatung, Bildung und weltweite Solidarität:
1) Kolping habe den entwurzelten Handwerkern im Katholischen Gesellenverein einen Ort verschafft, wo sie in einer familienhaften Gemeinschaft neu Heimat finden konnten. Heute stünden in den Kolpingsfamilien die Mitglieder über die Generationen hinweg zusammen. Sie seien Generatio-nengemeinschaften.
2) Bildung sei ein Schlüsselbegriff für Kolping. Ausbildung und das, was Kolping Herzensbildung nannte, hätten in den Gesellenhäusern stattgefunden. Den Gesellen seien berufliche Perspektiven, Chancen für das Leben und auf Partizipation in der Gesellschaft aufgetan worden. Menschenbil-dung sei auch heute Aufgabe der Kolpingsfamilien.
3) Weltweite Solidarität sei neuer Schwerpunkt im Selbstverständnis des Kolpingverbandes gewor-den. Kolping habe die Chance, Kirche als großes solidarisches Netzwerk zu denken und erfahrbar zu machen. Mit über 500.000 Mitgliedern sei Kolping selbst ein Netzwerk der Solidarität auf allen Kontinenten. Bischof Wiesemann dankte dem Kolping-Diözesanverband für sein Engagement in Brasilien und Ruanda.
Zuvor stellte Diözesanpräses Pfarrer Andreas König (Landstuhl) Bischof und Gottesdienstgemeinde das Kolping-Evangeliar vor. Während des ganzen Kirchenjahres, für alle 52 Sonntage, haben 50 Kolpingsfamilien, die Kolpingjugend und das Kolpingblasorchester Kaiserslautern das ihnen zugewie-
sene Sonntagsevangelium in das Kolpingevangliar geschrieben und mit ihren Gedanken ergänzt. „Das Evangelium Jesu Christi und der Glaube der Kirche sind die Grundlagen unserer Arbeit“, sagte Pfarrer König. „Die intensive Beschäftigung mit der Heiligen Schrift sollte uns immer mehr zu Menschen werden lassen, die aus dem Geist Jesu heraus leben und handeln.“ Bischof Wiesemann dankte den Kolpingsfamilien für dieses biblische Glaubenszeugnis und ermutigte sie, der Frohbotschaft Jesu Christi immer wieder neu lebendige Gestalt in ihrer Gemeinde zu geben. Der Gottesdienst endete mit dem Kolpinglied.
Ein festlicher Bannermarsch durch die Maximiliansstraße führte die Kolpingsfamilien ins Ägidienhaus. Im voll besetzten Saal konnte Diakon Andreas W. Stellmann (Heßheim), der Vorsitzen-de des Kolpingwerkes Diözesanverband Speyer, eine Reihe von Gästen begrüßen: Neben Bischof Dr. Wiesemann und seinem Vorgänger, Bischof em. Dr. Anton Schlembach, waren u.a. gekommen der Speyerer Oberbürgermeister Hansjörg Eger, Domkapitular Franz Vogelgesang und Dr. Thomas Kiefer vom Bischöflichen Ordinariat, die stv. Bundesvorsitzende des Kolpingwerkes, Barbara Breher (Pfaf-fenhofen), die Landtagsabgeordneten Marlies Kohnle-Gros (Hütschenhausen) und Dr. Axel Wilke (Speyer), Brigitte Mannert (Alsenz) und Michael Lehnert (Münchweiler a.d.R.), Präsidentin und Vize-präsident der Handwerkskammer der Pfalz, und die Landesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Arbeitnehmerorganisationen (ACA), Silvia Berger (Mendig). Neben Abordnungen der benachbarten Kolping-Diözesanverbände konnte Vorsitzender Stellmann auch Vertreter der katholi-schen Verbände im Bistum Speyer begrüßen. Sein besonderer Gruß galt dem Diözesanehrenvorsitzen-den Rolf Schäfer (Oggersheim) und dem Diözesanehrenpräses Prälat Gerhard Fischer (Speyer).
Im Mittelpunkt des Festakts stand die Ansprache von Ministerpräsident a.D. Prof. Dr. Bernhard Vogel (Speyer). Vogel nahm die Jubiläen und Gedenktage des Jahres 2014 zum Anlass, einen Blick auf unse-re Gesellschaft und die Kirchen zu werfen. Er betrachtete zunächst die ökumenische Bewegung. „Es hat Luther gebraucht, um die katholische Kirche zu reformieren.“ Es habe schon viele Fortschritte auf dem Weg gegeben, im Herrn eines Geistes zu werden. Aber wir müssten darüber nachdenken, warum die kirchliche Einheit noch nicht gelungen ist.
Ausgehend vom I. Weltkrieg zog der Ministerpräsident a.D. die Linien der Geschichte von der Wei-marer Republik, dem gescheiterten ersten demokratischen deutschen Staat, über den II. Weltkrieg, den Holocaust bis zur Wiedervereinigung im zweiten demokratischen Staat, der Bundesrepublik Deutsch-land, vor 25 Jahren nach. Vogel betonte, dass die Kirchen und katholischen Verbände wesentlich dazu beigetragen haben, dass der zweite Versuch eines demokratischen Gemeinwesens in Deutschland ge-lungen ist. „Das kann man feiern!“ Dass der Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur 1989 durch „Kerzen und Gebete“ errungen wurde, sei ein Wunder.
Vogels Blick richtete sich auf Europa. „Europa ist ohne das Christentum nicht zu denken“. Die Euro-päische Union stehe vor großen neuen Herausforderungen: Ukraine, Palästina, der radikale Islam und seine Gewalt. Bestehen könne sie diese nur auf dem Fundament eines klaren Wertekanons, in dessen Zentrum das auf dem christlichen Menschenbild beruhende Verständnis von Menschenwürde und Menschenrechte stehe.
Vogel hob die Bedeutung des Apostolischen Rundschreibens „Evangelii gaudium“ von Papst Franzis-kus hervor. Einige Kerngedanken rief er in Erinnerung: Politik könne Nächstenliebe sein, nämlich dann, wenn sie Politik für die Menschen ist, die Recht und Gerechtigkeit in Gesellschaft und Welt an-strebt. Der Papst spreche von der „verbeulten Kirche“, d.i. eine Kirche, die bereit ist, sich so in die Not der Menschen und die Konflikte der Welt hineinzubegeben, dass sie auch Beulen davon tragen könne.
Die Kirche werde schrumpfen, das sei auch eine Chance zum Neuanfang. Es gebe eine existenzielle Freiheit, sich selbst zu entscheiden. Christsein sei entschiedene Existenz. Eine Existenz, die aus freier, selbst getroffener Entscheidung heraus wachse und auf einem Wertegerüst aufruhe, ohne dass man auf Dauer nicht existieren könne.
„Christsein heißt politisch sein.“ Wer glaubt, sei gefordert sich zu engagieren, für seinen Nächsten und für seine Umwelt. Adolph Kolping habe jungen Handwerkern ein Zuhause geben und ihnen Wege der Menschenbildung gewiesen. Er habe eine Verbindung von Glaube und Tat gelebt – Tatglaube! Glaube und Politik sei sein Erfolgsrezept. Er habe den Menschen Mut gemacht zum Leben. „Habt Mut und
kapituliert nicht vor den kleinen und großen Schwierigkeiten!“ In der Spur Kolpings könnten wir der jungen Generation Mut machen, scheinbar unlösbare Probleme anzupacken und zu lösen.
Für den Kolping-Bundesverband in Köln sprach Barbara Breher ein Grußwort. Mit Worten von Hilde Domin wünschte sie dem Diözesanverband Speyer den Mut, an sich selbst zu glauben, den Mut, Dinge beim Namen zu nennen, und den Mut, an die Ansprechbarkeit der Menschen zu glauben. Annika Bär (Kleinkarlbach), Diözesanleiterin der Kolpingjugend, dankte für die Zusammenarbeit von jungen Menschen und Erwachsenen im Kolpingwerk. Die Kolpingjugend sei dankbar, einem Generationen-verband wie Kolping anzugehören und freue sich auf die weitere gemeinsame Arbeit. Das Leitungs-team präsentierte ein Triptychon zum 150. Jubiläum, dass auf den Gruppenleiterschulungen in diesem Jahr gestaltet worden ist; im Zentrum steht eine Taube, die den Heiligen Geist symbolisiert, der die Arbeit des Verbandes in allen Lebensbereichen und weltweit begleiten und durchdringen soll. Für die Politik dankte Marlies Kohnle-Gros für das Engagement des Kolpingwerkes in den Bereichen der poli-tischen, wirtschaftlichen und sozialen Selbstverwaltung, für die personellen und ideellen Beiträge zur politischen Kultur. In seinem Schlusswort dankte der Vorsitzende Andreas Stellmann allen, die zum Gelingen des Jubiläumsfestes beigetragen haben, namentlich den Kolpingsfamilien Speyer 1860, Speyer St. Otto und Mechtersheim sowie der Kolpingmusikkapelle Oggersheim unter ihrem Dirigen-ten Markus Müller.
Das Kolpingwerk zählt in der Diözese Speyer 6.000 Mitglieder in 60 örtlichen Gemeinschaften, den Kolpingsfamilien. 1.000 Mitglieder sind unter 30 Jahre alt und gehören der Kolpingjugend an. In Deutschland hat der Verband, der sich auf den Seligen Adolph Kolping und seine Katholischen Gesel-lenvereine zurückführt, 250.000 Mitglieder in 2.600 Kolpingsfamilien. Weltweit zählt das Kolpingwerk 500.000 Mitglieder in über 60 Ländern auf allen Kontinenten. Sein Wahlspruch lautet: „Verantwort-lich leben – Solidarisch handeln.“
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