NWv - Kolping DV Speyer

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Online-Vortrag: Verbände in der Krise?
 
 

Am 9. April 2021 war es so weit. Die erste Online-Veranstaltung in der 156-jährigen Geschichte des Kolpingwerkes Diözesanverband Speyer startete. Der Vorstand setzte damit ein Zeichen, dass in Zeiten von Pandemie, Bildung und Auseinandersetzung mit den Wurzeln sowie der Zukunft dennoch möglich ist.

 
 
44 Teilnehmende folgten der Einladung. Erfreut war man darüber, dass neben den zahlreichen Vertretern der örtlichen Kolpingsfamilien, auch Kolpinggeschwister aus anderen Diözesanverbänden sowie Vertreter von allen Verbänden im Bistum Speyer teilnahmen. Pressevertreter, Bund Katholischer Unternehmer und eine Teilnehmerin aus Regensburg gehörten ebenso zu den Besuchern.

 
 
Der Referent des Vortrages war kein Unbekannter im Kolpingwerk: Heinrich Wullhorst. Der Kolpingbruder, Journalist und Buchautor Heinrich Wullhorst, der von 2005 bis 2014 auch als Pressesprecher des Kolpingwerkes Deutschland fungierte, stellte am Beginn des Vortrages die Fragen: „Haben die Verbände überhaupt noch eine Zukunft und wie gelangen sie derzeit durch die Pandemie?

 
 
2017 hat er sich in seinem Buch „Leuchtturm oder Kerzenstummel“ mit der Zukunftsfähigkeit der katholischen Verbände in Deutschland befasst. Die Erkenntnisse von damals gleicht er nun mit der heutigen Situation ab. Eine zentrale Frage dabei, was müssen die Verbände tun, um in einer Zeit abnehmender Attraktivität von Kirche ein Alleinstellungsmerkmal zu behalten, dass Menschen begeistern kann? Seit mehr als 40 Jahren engagiert er sich ehrenamtlich in katholischen Verbänden und beobachtet die Veränderungen im katholischen Milieu.
 
 

Auslöser für dieses Buch war die Äußerung des Bischofs von Essen, Franz-Josef Overbeck, im Mai 2016 bei einer Veranstaltung in der katholischen Akademie „Die Wolfsburg“, dass die katholischen Verbände nicht mehr „aus dieser Zeit“ seien. „Das hat mich aufgeregt, ich wollte wissen, ob er Recht hat. Meine Antwort ist nein. Die Verbände wird es weiterhin geben“, verdeutlichte der Referent.
 
 

Nach einem Streifzug durch die Geschichte der Verbände, bei dem auch eine negative Äußerung zu den Verbänden von Robert Ley (NSDAP: „Alle übrigen Vereine, auch sogenannte katholische und evangelische Arbeitervereine, sind als Staatsfeinde zu betrachten, weil sie den großen Aufbau hindern und hemmen“) genannt wurde, und der Darstellung der aktuellen Probleme, lieferte der Referent wertvolle Impulse für Verbände.
 
 

Er schilderte, dass die Verbände die Digitalisierung als Chance begreifen sollten, um beispielsweise neue Veranstaltungsformate und neue Zielgruppen zu erschließen. Verbände können so Heimat für neue Zielgruppen werden, die kein passendes Angebot in den bisherigen Strukturen vor Ort finden. In den Veröffentlichungen der Verbände sollte ihr inhaltliches Profil klar erkennbar sein und ein Alleinstellungsmerkmal deutlich werden. Beispiele nannte der Referent für Kolping dazu auch: Soziales Engagement und Generationsübergreifende Gemeinschaft. „Es macht keinen Sinn, vor lauter Vielfalt nicht mehr laufen zu können. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir ein Sozialverein sind und müssen daher beim gesellschaftspolitischen Engagement Akzente setzen“, sagte er.
 
 

„Verbände sollten sich als neue kirchliche Orte verstehen. Sie sind selbst Kirche in allen Grundvollzügen. Die Kirche sollte die Verbände als Brücken in die Gesellschaft nutzen auf Augenhöhe gemeinsame Strategien entwickeln“, erläuterte Heinrich Wullhorst. „Verbände müssen sich stärker vom Kirchturm wegbewegen und in das Leben einmischen, das draußen stattfindet. Was können wir – auch im Zusammenwirken mit anderen – tun, um die Lebensbedingungen der Menschen in unserem sozialen Umfeld zu verbessern?“ sagte und fragt der Referent anschließend.
 
 

Außerdem erklärte er, dass Verbände gegenüber den Medien sprachfähig sein müssen. „Kolping hätte gebloggt, getwittert, wäre bei Facebook gewesen und hätte seine Fotos auf Instagram gestellt“, so lautete eine weitere Aussage von ihm.
 
 

Heinrich Wullhorst stellte bei seinem Fazit fest, dass Verbände, wenn sie genannten Punkte beherzigen, auch in der Krise lebensfähig bleiben. Deutlich wird dies anhand von über einer Million Menschen, die sich aktuell in kirchlichen Verbänden engagieren. Allerdings besteht auch großer Handlungsbedarf und dazu müssen wir uns darauf besinnen, wo wir herkommen“, sagte er abschließend.
 
 

Danach konnten die Teilnehmenden Fragen stellen oder Diskussionen anstoßen. Die Moderation dafür übernahm der Referent beim Kolpingwerk, Christian Lee.
 
 

Dabei wurde deutlich, dass sich so manch einer schwer tut, den Mittelweg zwischen kritischer Distanz zur Kirche und gleichzeitigem Engagement in ihr zu finden. „Wir sind Teil der Kirche, aber keine schweigenden Lämmer“, lautete die Aussage von Jürgen Storminger aus Dirmstein. Wie schwer es oft ist, neue Mitglieder, Engagierte oder neue Zielgruppen anzusprechen, verdeutliche Rita Schmid von der Kolpingsfamilie Grünstadt.
 
 

Der Referent machte Mut, mit den genannten Impulsen sich auf den Weg zu machen.
 
 

Der Vorsitzende des Kolpingwerkes, Harald Reisel, beendete die Veranstaltung mit folgenden Worten: „Lasst uns mit den Anregungen von heute Abend gemeinsam dafür sorgen, dass die Verbände eine gute Zukunft haben. Den Refrain eines Liedes von Siegfried Fietz wünschen ich euch – Gottes guter Segen sei mit euch“.
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