„Bis zu 900 Stunden ehrenamtlich im Rettungsdienst“

Bockenheim: Anja Fiedler mit der ASB-Rettungshundestaffel beim Kolpingwerk – Diözesanpräses König über die befreiende und heilende Kraft des Evangeliums

Bockenheim / Kaiserslautern (29.06.2011 / tb). Auf einem Schutthaufen nahe der zerstörten Kathedrale von Port-au-Prince schlugen die technischen Suchgeräte an, wenig später auch Pablo, der Rettungshund. „Es geht mir gut“, sagte die völlig entkräftete 69-jährige Frau unter den Trümmern. Sie lag eine Woche lang, dehydriert und verletzt, eingeschlossen in fünf Metern Tiefe. Das berichtete Anja Fiedler vom ASB Ludwigshafen in der Festhalle Emichsburg vor Mitgliedern des Kolpingwerkes, die zu ihrer traditionellen Wallfahrt nach Bockenheim gekommen waren. Fiedler war 2010 im Katastropheneinsatz in Haiti. Erschütternde Szenen haben sich ihr eingeprägt, von Verwüstung und Tod, aber auch von Menschlichkeit und Solidarität.

Zuvor waren fast dreihundert Wallfahrer von der Bockenheimer Pfarrkirche hoch zur Heiligenkapelle in den Weinbergen gezogen. Die Monstranz trug Diakon Detlef Sieben, Bezirkspräses des Kolpingwerkes Ludwigshafen-Speyer, die anschließende Heilige Messe zelebrierte Diözesanpräses Pfarrer Andres König (Frankenthal). König deutete die Stelle in der Apostelgeschichte von der Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis so, „dass Gott mit Petrus und durch Petrus auch die Kirche von heute in die Freiheit führen will.“ Der Diözesanpräses sieht die Kirche von heute „gefangen in einer Kultur des Materialismus, deren Ungeist bis tief in das Innere der Kirche selbst eingedrungen ist.“ Es sei in der Kirche zu viel von Geld, Immobilien und anderen irdischen Dingen die Rede „und viel zu wenig von Jesus und von der befreienden, der frohmachenden und der heilenden Kraft des Evangeliums.“ Im Plan Gemeindepastoral 2015 stünden zwar die Prinzipien Spiritualität, Evangelisierung, Anwaltschaft und Weltkirche. Aber die spielten in der derzeitigen Diskussion kaum eine Rolle, bestenfalls in salbungsvollen Predigten und Sonntagsreden. Verteilungskämpfe, Streit um Zentralkirchen und Gottesdienstzeiten prägten das Bild. Es sei im Zuge des Pastoralplanes die Rede davon, dass leitende Pfarrer nur noch 25 Prozent Seelsorge leisten sollen. „Das finde ich schrecklich und total abschreckend für den Priesternachwuchs!“ Priester seien keine Immobilienmanager! „Ich wünsche mir, dass unsere Priester als Seelsorger, Sakramentenspender und Glaubenszeugen gebraucht und angefragt werden“, sagte Pfarrer König unter dem Beifall der Wallfahrtsgemeinde.

Gottesdienst vor der Heiligenkirche zu Bockenheim.Zelebrant: Diözesanpräses Pfarrer Andreas König (Frankenthal).

 

Vom Engel aus dem Gefängnis befreit, habe Petrus den Glauben an den Auferstandenen bis zum Martyrium verkündet. „Ich wünsche mir, dass er auch die Kirche unseres Landes von vielen irdischen und materiellen Nöten und Zwängen befreit, damit Menschen unserer Tage spüren, dass der Glaube an Jesus und das Leben mit ihm etwas ist, was frei macht, was froh macht und was heil macht.“

Zur Kundgebung in der Festhalle Emichsburg konnte die stellvertretende Diözesanvorsitzende Elke Boudgoust (Ludwigshafen-Oggersheim) die Beigeordneten Gunter Bechtel und Wieland Benß von der Gemeinde Bockenheim begrüßen. Besonders herzlich begrüßte sie die Referentin Anja Fiedler mit ihrem Hund Pablo. Fiedler, eine kaufmännische Angestellte, ist als ehrenamtliche Ausbilderin bei der Hundestaffel des ASB Ludwigshafen tätig. Die Ausbildung zum einsatzfähigen Rettungshund dauert bis zu drei Jahre. Von den Ausbildern verlangt dies viel Zeit und Engagement. Der sechsjährige Wasserhund Pablo ist erfahren im Rettungseinsatz. Mit ihm war Anja Fiedler 2010 im Rahmen des Einsatzes der „Task Force Germany Deutsche Erdbebenrettung e.V.“ nach dem katastrophalen Erdbeben in Haiti.

Fiedler berichtete nicht nur vom Einsatz im Krisengebiet, sondern auch von der alltäglichen Arbeit der Rettungshundestaffel: Hundeführer, Helfer und Organisationsleiter gehörten zwei Organisationen an, der Inlandsarbeit im ASB Ludwigshafen und der Erdbebenrettung e.V., Abteilung U.S.A.R (Urban Search and Rescue) / Biologische Ortung. Zur Inlandsarbeit gehörten dreizehn Hundeteams, zwei Helfer und zwei „Org.-Leiter“. Drei Hundeteams seien bei der Erdbebenrettung, dazu kämen die Komponenten Medical Team, Bergung und Technische Ortung. Diese Einsatzgruppe sei bei der UN Abt. Ossocc gemeldet. Aufgaben im Inland seien Trümmerarbeit, Flächenarbeit und „Mantrailing“. Für das Ausland sei nur die Trümmerarbeit relevant. „Um wirklich eine gute Arbeit ableisten zu können, arbeitet unsere Gruppe sehr engagiert“, sagte Frau Fiedler wörtlich. „Jeder bringt zwischen 700 und 900 Stunden ehrenamtliche Tätigkeit im Jahr ein, um bei einem Einsatz im Inland Polizei und Feuerwehr zu unterstützen.“ Egal ob Tag oder Nacht, die Mitglieder der Einsatzgruppe seien 24 Stunden erreichbar. „Sei es ein Pilzsucher, ein kranker Mensch oder ein Kind, welches sich verlaufen hat, wir rücken mit der Einheit aus.“ Bei einer Alarmierung für das Ausland seien die Teams, so die Referentin, zwischen acht und vierzehn Tagen im Einsatz irgendwo auf dieser Welt, z.B. eben in Haiti.

Dreizehn Lehrgänge vom Sanitätshelfer über die Erste Hilfe am Hund bis hin zur Trümmerkunde und Einsatztaktik müssten die Hundeführer absolvieren. Ausgebildet werden könne jeder Hund, die Hundestaffel habe Hunde aller Größen und der verschiedensten Rassen, vom Jack Russel bis Riesenschnauzer, auch Mischlinge seien vertreten. Alle achtzehn Monate müssten die Hundeteams ihre Prüfungen für das Inland, alle 24 Monate für das Ausland gemäß einer DIN-Prüfung auffrischen.

Anja Fiedler mit Pablo.

 

Die anschließende praktische Vorführung zeigte Trainings- und Rettungsübungen mit sieben Hunden der Rettungshundestaffel des ASB. Die Zuschauer waren tief beeindruckt und verabschiedeten die Hunde und ihre Führer mit Szenenapplaus. Elke Boudgoust überreichte im Namen des Kolpingwerkes eine Spende für die Arbeit der Rettungseinheit.

Die Rettungshundestaffel des ASB Ludwigshafen.

 

Die Kolpingkapelle Ramsen unter der Leitung von Manfred Zengerle umrahmte musikalisch Prozession, Gottesdienst und Kundgebung. Elke Boudgoust dankte der Kolpingkapelle sowie der Kolpingsfamilie Bockenheim, die seit vielen Jahrzehnten die Organisation und Durchführung der Wallfahrt zuverlässig leiste. Die Kollekte im Gottesdienst erbachte einen Betrag von über 300,00 Euro für die Aktion Brasilien.

Das Kolpingwerk zählt in der Diözese Speyer 6.500 Mitglieder in 67 örtlichen Vereinen, den Kolpingsfamilien. 1.100 Mitglieder sind unter 30 Jahre alt und gehören der Kolpingjugend an. In Deutschland hat der Verband, der sich auf den Seligen Adolph Kolping und seine Katholischen Gesellenvereine zurückführt, 264.000 Mitglieder in 2.700 Kolpingsfamilien. Weltweit zählt das Kolpingwerk 500.000 Mitglieder in 60 Ländern auf allen Kontinenten. Sein Wahlspruch lautet: „Verantwortlich leben – Solidarisch handeln.“