Die Partnerschaft zwischen den
Kolpingsfamilien Dirmstein und Ostritz ist ein gelungenes Projekt des Miteinanders von Ost und West
Dirmstein (06.05.2010 js/tb). Partnerschaften zwischen den alten und neuen Bundesländern hatten oft – und haben vielleicht noch – den Beigeschmack, dass eine Seite die gebende (West) und die andere Seite die nehmende (Ost) ist. Nicht so bei der Freundschaft zwischen der Kolpingsfamilie Dirmstein in der Pfalz und der Kolpingsfamilie Ostritz in der Oberlausitz im Dreiländereck Deutschland, Polen und Tschechien. Seit 18 Jahren gibt es nun schon die engen Kontakte, die sowohl auf der offiziellen Ebene als auch in zahlreichen privaten Kontakten und Freundschaften bestehen.
Der Grundstein für die enge Freundschaft beider Kolpingsfamilien wurde in Duderstadt / Eichsfeld 1992 gelegt. Hier tagte nach 60 Jahren die erste gesamtdeutsche Zentralversammlung, das höchste beschlussfassende Organ des Kolpingwerkes. Das Gremium hob hervor, dass die Mitglieder in den neuen Bundesländern ihre in Jahrzehnten ständiger Bespitzelung und zermürbender Schikanen bewährte Solidarität als „willkommene und notwendige Bereicherung“ in die gesamtdeutsche Kolping-Gemeinschaft einbrächten. Die Idee, Partnerschaften zu gründen, stand von vornherein unter dem Vorzeichen der Gleichberechtigung, einer Partnerschaft auf Augenhöhe. Beide Seiten könnten mit ihren je eigenen Erfahrungen wichtige Beiträge für die Entwicklung der Partnerfamilien leisten.
Die damalige Delegierte aus dem Diözesanverband Speyer, die Dirmsteinerin Gisela Schroth, war von der Partnerschaftsidee sehr angetan. Zusammen mit ihrem Ehemann Klaus, damals Bezirksvorsitzender, trieb sie das Vorhaben voran. Vom Diözesanverband Dresden / Meißen erhielt sie die Adresse der Kolpingsfamilie Ostritz, die ebenfalls Interesse an einer Partnerschaft mit einer „West-Kolpingsfamilie“ angemeldet hatte.
Zisterzienserinnenabtei St. Marienthal, Ostritz – ein neues geistliches Zentrum im ehemaligen atheistischen Biotop.
Bereits eine Woche(!) nach der Zentralversammlung besuchte eine Abordnung der Kolpingsfamilie Dirmstein mit den Ehepaaren Schroth und Schuler das kleine Städtchen an der Neiße. Schnell stellte man fest, dass die „Chemie“ zwischen beiden Vorständen stimmte. Nach einem gelungenen Besuchsprogramm, das auch schon die Besichtigung der nahen Zisterzienserinnen-Abtei St. Marienthal einschloss, wurde vereinbart, die Beziehungen zu vertiefen und mit Leben zu erfüllen. Erster Schritt dazu war die Vereinbarung eines Gegenbesuchs in Dirmstein. Dieser fand im Mai des folgenden Jahres statt. Zwölf Gäste aus Ostritz weilten für einige Tage in der Gemeinde an der Weinstraße und lernten die Pfalz von ihrer schönsten Seite kennen. In Gegenwart des damaligen Diözesanvorsitzenden Rolf Schäfer (Oggersheim) wurde die Partnerschaft offiziell begründet. Die Vorsitzenden Klaus Schroth und Benno Ufer tauschten dabei Freundschaftsgeschenke aus.

Symbol der Freundschaft: Die Vorsitzenden Benno Ufer (li) und Klaus Schroth pflanzen im Pfarrgarten von Ostritz einen Mandelbaum (1997).
Seit den „Gründerjahren“ gibt es in regelmäßigen Abständen gegenseitige Besuche der beiden befreundeten Kolpingsfamilien, immerhin sind dabei ca. 680 Kilometer zu überwinden. Besonders bei den jeweiligen Jubiläen waren Delegationen der Partnervereine vor Ort. Apropos Jubiläen: Die Kolpingsfamilie Ostritz kann bereits auf ein 130-jähriges Bestehen zurückblicken, während die Pfälzer „erst“ seit 56 Jahren bestehen. Umgekehrt stellen sich die Mitgliederzahlen dar: Die Kolpingsfamilie Dirmstein zählt mit derzeit 155 Mitgliedern fast dreimal so viele Kolpingschwestern und -brüder wie der sächsische Partnerverein.
115 Jahre Kolpingsfamilie Ostritz, 1995. Drei Vorsitzende: Peter Rebehn, KF Dortmund, Benno Ufer, KF Ostritz, Klaus Schroth, KF Dirmstein.
Gemeinsam ist beiden Gemeinschaften die Sorge um ihre Zukunft, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung. Während die Dirmsteiner noch auf einen im Bundesschnitt akzeptablen Altersschnitt verweisen können, und ein kleiner Lichtblick in Form einer Mini-Jugendgruppe vorhanden ist, sieht die Zukunft der Freunde aus der Oberlausitz wesentlich trüber aus. Die Gründe sind geopolitischer Art: Im östlichsten Rand Deutschlands, an der Grenze zu Polen gelegen, verfügt die Region um Ostritz kaum über Industrie oder andere Gewerbeansiedlungen. Die Arbeitslosigkeit ist extrem hoch, viele junge Menschen ziehen in die Region um Dresden oder andere Wirtschaftsstandorte. In Ostritz zeigt sich das an leerstehenden Wohnungen und Häusern, Geschäfte müssen schließen. Diesen demografischen Wandel bekommt auch die Kolpingsfamilie zu spüren. Es fehlt der Nachwuchs, die Zukunftsperspektive ist entsprechend düster. Nichtsdestotrotz ist das Engagement und der Zusammenhalt in der Ostritzer Kolpingsfamilie ungebrochen.

Dirmsteiner Banner in Ostritz.
Welche Bedeutung hat diese Partnerschaft? Vordergründig lernt man Land und Leute einer Region kennen, die man sonst wahrscheinlich nie zu Gesicht bekommen hätte. Aber der „Nutzen“ einer solchen Verbindung geht tiefer. Dass ein christlich geprägter Verband trotz widrigster Bedingungen in einem totalitären und atheistischen Staat überleben konnte, hinterließ bei den Dirmsteinern einen nachhaltigen Eindruck. Und obwohl die Menschen dort nicht zu den Gewinnern der Wiedervereinigung zählten, ist ihre Freundlichkeit und Herzenswärme gegenüber den Freunden aus der Pfalz geradezu entwaffnend. Bezeichnend auch, dass viele Freundschaften mit gegenseitigen Besuchen entstanden sind.
Unterwegs in Tschechien.
Umgekehrt schenkt die Freundschaft mit Dirmstein den Ostritzer Kolpingschwestern und -brüdern immer wieder neue Impulse für das Vereinsleben und ihren inneren Zusammenhalt. Dass dabei auch Vorurteile gegenüber den „Wessis“ bzw. „Ossis“ abgebaut wurden, war ein erfreulicher Nebeneffekt dieser Partnerschaft.
Wo bleiben dabei die Ideen Kolpings? Der Begriff Solidarität kommt hier ins Spiel. Den Dirmsteinern ist es eine Herzensangelegenheit, den Freunden in materieller Hinsicht zu helfen. Die Pfarrkirche ist dringend sanierungsbedürftig, eigene Mittel sehr begrenzt und auch in der strukturschwachen Region Hilfen von staatlicher Seite nicht zu erwarten. So kam schon manche Aktion der Dirmsteiner diesem Projekt zu Gute. Dabei traten die Ostritzer nie als Bittsteller auf.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Partnerschaft zwischen Ost und West eine Bereicherung für beide Seiten ist. Eine Kosten-Nutzen-Abwägung wird einer solchen Verbindung nicht gerecht. Freundschaften, gemeinsame Glaubenserlebnisse, Begeisterung für die Ideen Adolph Kolpings sind eine solide Basis für eine tragfähige Verbindung, die durch engagierte Christen mit Leben gefüllt wird. Der gemeinsame Glaube schafft Gemeinschaft, Adolph Kolping schafft Gemeinschaft.