„Religionen halten den Raum frei für den unverfügbaren Gott!“

Kolping: Generalvikar Jung spricht über Religion in der modernen Welt – Christentum jenseits von Nützlichkeitserwägungen – Diözesanverband ehrt Jugendliche für Einsatz bei der 72-Stunden-Aktion

Ludwigshafen/Kaiserslautern (19.5.2009): „Wenn Religion nur in der Form wiederkehrt, dass alle wissen, wozu sie gut wäre, um sie dann in maßgeschneiderter Form einzusetzen, bestätigt dies nur, wofür alles spricht – dass wir hier im Westen in Wahrheit bereits in einem postreligiösen Zeitalter leben.“ Mit diesem Wort des Philosophen und Religionskritikers Herbert Schnädelbach markierte Generalvikar Dr. Franz Jung sein Vortragsthema vor der Diözesanversammlung des Kolpingwerkes im Pfarrzentrum St. Albert, Ludwigshafen-Pfingstweide. Vor mehr als 110 Delegierten der Kolpingsfamilien und Gästen des Verbandes sprach er über die „Religion in der modernen Welt.“

Diffuse Religiosität ohne prägende Kraft

Mit Schnädelbach kritisierte Jung ein rein funktionales Verständnis von Religion in unserer Gesellschaft. Der Wert der Religion, damit der Kirchen und mit ihnen des Christentums, werde bemessen nach ihrem Nutzen für die Gesellschaft: Ihr sozial-caritatives Engagement sei nützlich für das Funktionieren unseres Gemeinwesens, im Bildungsbereich sei sie die umworbene Produzentin der vielbeschorenen Werte, als Zivilreligion liefere sie den nötigen sozialen Kitt, der zusammenhält, was sich in vielen Milieus und Schichten auseinanderentwickelt. Christentum als nützliche Religion sei aber ein Christentum ohne Zähne und Klauen, ohne Widerständigkeit gegen unsere moderne Welt. Der Preis für eine gesellschaftlich akzeptierte, weichgespülte Kuschelreligion sei hoch: „An die Stelle von Religion ist nur noch eine diffuse Religiosität getreten, die vor allem in religiösen Events erfahren wird, längst aber ihre prägende Kraft eingebüßt hat,“ so Dr. Jung wörtlich.

Die unbequeme Seite des Christentums, die Erfahrung eines fremden, dunklen Gottes, der Skandal des Kreuzes, der Aufruf zu einer grundsätzlichen und echten Umkehr, die Botschaft der Erlösung von Sünde und Leid, stehe jenseits aller Nützlichkeit, gehre aber zum Kern dessen, was Christsein ausmacht. Nicht Anbiederung, sondern Mut zum Bekenntnis des widerständigen Evangeliums seien das Gebot der Stunde. Es sei Markenzeichen des christlichen Glaubens, die Gottesliebe in der Nächstenliebe wirksam werden zu lassen, Diakonie und Liturgie gehörten immer zusammen, sagte der Referent: „Was aber, wenn nur noch die Nächstenliebe übrig bleibt, und die Gemeinde fehlt, die den göttlichen Grund der Nächstenliebe im Gottesdienst wach hält und feiernd in Erinnerung ruft?“

Die Liebe zu Christus ist der bleibende Grund der Liebe zueinander

„Religionen halten den Raum frei für den unverfügbaren Gott.“ Sie erwiesen sich gerade darin als nützlich, dass sie keinen ausweisbaren Nutzen haben. Sie sollten Kräfte sein, die den gesellschaftlichen Betrieb unterbrechen und dadurch den Horizont dafür öffnen, dass der Mensch nicht in dieser Welt aufgeht und aus dem größeren Sinn lebt, den sich die Welt aus sich heraus nicht geben kann. Aufgabe der Kirche sei es, die Menschen auf diese ganz andere Dimension des Göttlichen zu verweisen. „Ohne echte und tiefgreifende Umkehr wird dies allerdings nicht zu machen sein“, so Dr. Jung. Wir seien aufgefordert, uns selbst und unser soziales Engagement zu hinterfragen, ob es Ausdruck eines lebendigen Glaubens ist. Wir seien gefordert, immer wieder neu umzukehren, hin zur Mitte unseres Glauben, hin zu Jesus Christus, in dessen Gegenwart die Liebe Gottes uns heilend verwandeln kann und uns  - jenseits aller Nützlichkeit – Früchte bringen lässt im Teilen des Lebens. „Denn die Liebe zum Herrn ist der bleibende Grund der Liebe zueinander“, schloss Generalvikar Jung seine Ansprache.

Klaus Butz dankt Generalvikar Dr. Franz Jung für seine Anwesenheit und sein Grundsatzreferat. (Foto: Garst)

Der Diözesanvorsitzende Klaus Butz (Otterbach) hatte zuvor die Diözesanversammlung eröffnet und als weitere Gäste Gitte Scharlau vom Bundesvorstand in Köln und Pfarrer Josef Steiger, Leiter der Abteilung Familien- und Erwachsenenseelsorge und Ansprechpartner für die Verbände im Bischöflichen Ordinariat, begrüßt. In seiner Einführung in den Rechenschaftsbericht skizzierte Butz einige wichtige Ereignisse des verbandlichen Lebens im Jahr 2008, den Stand der Vorbereitungen zum Diözesantag 2009 am 22. und 23. August in Kindsbach und Landstuhl. Er berichtete vom Verkauf des Kolpinghauses Kaiserslautern, das nach vielen Jahren nun endgültig einen neuen Eigentümer und eine neue Funktion gefunden hat. Noch in diesem Monate werde die Pfingstgemeinde der Lagerhauskirche Kaiserslautern ihren ersten Gottesdienst im neuen Heim feiern. Er dankte, stellvertretend für die gesamte Bistumsleitung, Generalvikar Jung für die gewährte Unterstützung in dem langwierigen und schwierigen Prozess der Veräußerung.

Miteinander das Leben teilen

Klaus Butz bezeichnete es als sein besonderes Anliegen, die Beziehungen zwischen der Diözesan- und der Ortsebene qualitativ zu verbessern, um eine Verlebendigung der gemeinsamem Arbeit aus der Orientierung am spirituellen und ideellen Ursprung und in Annahme der Herausforderungen unserer Zeit zu erreichen. Er und andere Vorstandsmitglieder, vor allem Elke Boudgoust (Ludwigshafen-Oggersheim), die stellvertretende Diözesanvorsitzende, hätten eine Vielzahl von Kolpingsfamilien besucht und gute, motivierende Gespräche geführt. Immer wieder habe es geheißen: „Es ist gut, dass ihr  da seid.“ Für Butz sind die ehrenamtlichen Leitungskräfte vor Ort das Kapital des Kolpingwerkes. „In diesem Verband ist noch was drin“, sagte er. „Wir haben das Ideal, wir haben das Ziel und wir haben die Menschen, das zu erreichen“. Im Zentrum seines Engagement stehe Jesus Christus: „Wo wir miteinander das Leben teilen, wird Christus gegenwärtig und lebendig!“

Diözesantag: „UrSprung ins Leben“

Klaus Butz und Elke Boudgoust warben um Teilnahme und Mitwirkung beim Diözesantag 2009, der vor allem zum Dienst am Menschen, zum sozialen Engagement der Kolpingsfamilie ermutigen wolle. Als ein Beispiel gelebter Solidarität in der Lebensspur Adolph Kolpings sei das Engagement von vielen Kolpingjugendlichen zu verstehen, die im Rahmen der 72-Stunden-Aktion soziale Projekte realisiert haben. „Wir können stolz auf diese jungen Menschen in unserem Kolpingwerk sein“, sagte der Vorsitzende.

72 Stunden – Kolpingjugend-Gruppen geehrt

Butz und Boudgoust überreichten an die Vertreterinnen und Vertreter der Kolpingjugend-Gruppen Pfingstweide, Oggersheim, Otterbach und Hettenleidelheim je eine Urkunde sowie einen Spende zur Unterstützung ihrer örtlichen Jugendarbeit in Höhe von 100 €uro. Die Gruppen aus Obermohr, Glan-Münchweiler, Ramstein und Landau erhalten einen gleichen Betrag sowie die Urkunde bei anderer Gelegenheit.

Klaus Butz (ganz links) und Elke Boudgoust (2. von rechts) danken für das Engagement bei der 72-Stunden-Aktion. (Foto: tb)

Diözesanpräses Pfarrer Andreas König (Frankenthal) stellte das Zusammenspiel der drei Priester im Diözesanvorstand vor. Martin Garst (Hettenleidelheim), Richard Heitz (Ludwigshafen-Pfingstweide) und Kaplan Carsten Leinhäuser (Pirmasens), Geistlicher Leiter des Kolpingjugend, berichteten von der Arbeit des Jugendleitungsteams. Diözesansekretär Thomas Bettinger führte in den Finanzbericht ein, Klaus Karg (Speyer) gab den Kassenprüfbericht. Nach kurzer Aussprache wurde  der Diözesanvorstand mit großer Mehrheit entlastet. Anstelle von Klaus Karg wurde Manfred Weber (Otterbach) zum Kassenprüfer gewählt.

Diözesanvorsitzender Butz dankte stellvertretend für die gastgebende Kolpingsfamilie Ludwigshafen-Pfingstweide ihrem Vorsitzenden Josef Heitz, der auch stellvertretender Diözesanvorsitzender ist, für die herzliche Aufnahme und die reibungslose Organisation. Mit dem Kolpinglied endete die Diözesanversammlung 2009.

Das Kolpingwerk zählt in der Diözese Speyer 6.800 Mitglieder in 68 örtlichen Gemeinschaften, den Kolpingsfamilien. 1.100 Mitglieder sind unter 30 Jahre alt und gehören der Kolpingjugend an. In Deutschland hat der Verband, der sich auf den Seligen Adolph Kolping und seine Katholischen Gesellenvereine zurückführt, 265.000 Mitglieder in 2.700 Kolpingsfamilien. Weltweit zählt das Kolpingwerk 500.000 Mitglieder in 60 Ländern auf allen Kontinenten. Sein Wahlspruch lautet: „Verantwortlich leben – Solidarisch handeln.“ (tb)