Kolpingwerk
Diözesanverband Speyer
Konferenz der Vorsitzenden und Präsides
(KVP) in Speyer am Freitag / Samstag 7./8. März 2008
Dipl.-Theol. Thomas Bettinger, Diözesanreferent
„UrSprung
ins Leben !“
Überlegungen zu einem
Diözesantag 2009
„Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern
das Weitertragen der Glut“, sagt Calderon. Das ist sicherlich wahr. Aber es
setzt zwei Dingen voraus:
1. Dass unter der Asche wirklich noch Glut ist. Wenn
nicht, lohnt keine Mühe. Alles wäre vergebens - umsonst. Das Feuer ist aus. Es
kann nicht mehr wärmen, nicht mehr aus der Erstarrung zum Leben erwecken.
2. Dass wir noch Tragen und Gehen können. Am Sonntag im
Dom hat Kolping große Steherqualitäten bewiesen. Selbst alte Kolpingbrüder
haben vier Stunden im wahrsten Sinne des Wortes durchgestanden.
Das ist beachtlich! Aber zum Weitertragen der Glut genügt das Stehenkönnen nicht. Stehenbleiben
ist Rückschritt. Wir müssen uns also in Bewegung setzen.
Und diese Bewegung, die uns in die Zukunft führen soll, muss zunächst in unseren Ursprung zurückgehen, dem wir entstammen. Das ist die Glut, die unter der Asche verborgen ist, die Glut aus der wir leben. Paul Claudel hat mit Recht gesagt: „Das Ziel finden heißt, den Ursprung wieder finden.“ Und genau so wahr ist das Wort: „Alles, was sich von seinem Ursprung wegbewegt, ist dem Untergang geweiht.“ (N.N.) Von Augustin stammt das Wort: „Der Anfang geht immer mit.“ Aus ihm leben wir, er treibt uns an, er gibt uns ein Ziel, eine Richtung vor. Wir müssen uns seiner immer vergewissern. Verlieren wir ihn, verlieren wir den Fixpunkt, von dem her wir Ziel und Richtung definieren, wir verlieren den inneren Antrieb, unsere Lebendigkeit, schließlich erstarren wir und – nichts geht mehr.
Zum Nachdenken anregen über die Situation unserer Kolpingsfamilien vermag uns
Das Gleichnis von der unbrauchbar
gewordenen
Rettungsstation
An
einer gefährlichen Küste, die schon vielen Schiffen zum Verhängnis geworden
war, befand sich vor Zeiten eine kleine, armselige Rettungsstation. Das Gebäude
war nicht mehr als eine Hütte, und dazu gehörte nur ein einziges Boot; aber
die Handvoll Freiwilliger versah unentwegt ihren Wachdienst und wagte sich tags
wie nachts unermüdlich und ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben hinaus, um
Schiffbrüchige zu bergen. Dank diesem bewundernswerten kleinen Stützpunkt
wurden so viele Menschen gerettet, dass er bald überall bekannt wurde. Viele
der Erretteten und andere Leute aus der Umgebung waren nun auch gern bereit,
Zeit, Geld und Energie zu opfern, um die Station zu unterstützen. Man kaufte
neue Boote und schulte neue Mannschaften. Die kleine Station wuchs und gedieh.
Vielen
Gönnern dieser Rettungsstation gefiel das ärmliche und schlecht ausgerüstete
Gebäude nicht mehr. Die Geretteten benötigten doch einen etwas komfortableren
Ort als erste Zuflucht. Deshalb wurden die provisorischen Lagerstätten durch
richtige Betten ersetzt und das erweiterte Gebäude mit besserem Mobiliar
ausgestattet. Doch damit erfreute sich die Seerettungsstation bei den Männern
zunehmender Beliebtheit als Aufenthaltsort; sie richteten sich noch gemütlicher
ein, da sie ihnen als eine Art Clubhaus diente.
Immer
weniger Freiwillige waren bereit, mit auf Bergungsfahrt zu gehen. Also heuerte
man für die Rettungsboote eine eigene Besatzung an. Immerhin schmückte das
Wappen des Seenotdienstes noch überall die Räume, und von der Decke des
Zimmers, in dem gewöhnlich der Einstand eines neuen Clubmitgliedes gefeuert
wurde, hing das Modell eines großen Rettungsbootes.
Etwa
zu dieser Zeit scheiterte vor der Küste ein großes Schiff, und die
angeheuerten Seeleute kehrten mit ganzen Bootsladungen frierender, durchnässter
und halbertrunkener Menschen zurück. Unter den schmutzigen und erschöpften
Schiffbrüchigen befanden sich Schwarze und Orientalen. In dem schönen Clubhaus
herrschte das Chaos. Das Verwaltungskomitee ließ deshalb gleich danach
Duschkabinen im Freien errichten, damit man die Schiffbrüchigen vor Betreten
des Clubhauses gründlich säubern könne.
Bei
der nächsten Versammlung gab es eine Auseinandersetzung unter den Mitgliedern.
Die meisten wollten den Rettungsdienst einstellen, da er unangenehm und dem
normalen Clubbetrieb hinderlich sei. Einige jedoch vertraten den Standpunkt,
dass Lebensrettung die vorrangige Aufgabe sei und dass man sich ja schließlich
auch noch als „Lebensrettungsstation“ bezeichnete. Sie wurden schnell überstimmt.
Man ließ sie wissen, dass sie, wenn ihnen das Leben all dieser angetriebenen
schiffbrüchigen Typen so wichtig sei, ja woanders ihre eigene Rettungsstation
aufmachen könnten. Das taten sie dann auch.
Die
Jahre gingen dahin, und die neue Station wandelte sich genauso wie die erste.
Sie wurde zu einem Clubhaus, und so kam es zur Gründung gar einer dritten
Rettungsstation. Doch auch hier wiederholte sich die alte Geschichte.
Wenn
man heute diese Küste besucht, findet man längs der Uferstraße eine beträchtliche
Reihe exklusiver Clubs. Immer noch ist die Küste gefährlich; immer noch wird
sie vielen Schiffen zum Verhängnis; nur – die meisten der Schiffbrüchigen
ertrinken.
(Quelle:
Materialdienst: EE-Süddeutschland, Ulrich Hees, Brieger Str. 25, 80997 München,
www.eesued.de)
Lese
das Gleichnis nochmal und setze
„Gesellenverein“ anstelle
„Rettungsstation“, „Geselle“ anstelle „Schiffbrüchiger“!
„Die Herkunft ist unsere Zukunft!“ hat Karl Rahner einmal gesagt. Und wer wüsste dies nicht besser als
die Kirche, die immer wieder Maß nimmt an der Frohbotschaft Jesu Christi und
darin Orientierung und Kraft findet für den Weg durch die Zeit auf das eine
Ziel hin, das Jesus Christus selbst ist, der uns aus der Zukunft entgegen
kommt. Wir schauen zurück, um nach vorne zu schauen.
Und wie die Kirche müssen wir uns unseres Ursprungs
ständig neu vergewissern, und das ist Adolph Kolping, seine Idee, sein Leben
und Werk. Adolph Kolping ist lebendig und lebendigmachende
Tradition – Glut, Feuer! Mit Kolping etwas zusammen machen, ist nichts für
Fußkranke und Herzlahme. Er ermuntert uns, aus der Defensive herauszutreten und
in die Offensive zu gehen. Wer sich bloß defensiv verhält, hat das Spiel schon
verloren. Das hat Kolping gewusst.
Die Glut muss weitergetragen
werden, sie muss neu zünden, in uns, in unseren Herzen, damit wir selbst andere
Menschen anzünden, sie zum Leuchten bringen können, Menschen, die weitergehen
und dann selbst die Glut weitertragen.
D.h. die Idee muss vergegenwärtigt, heutig werden. Sie
muss eine Idee unserer Zeit, unserer Gegenwart werden – modern, lebendig,
riskant. Kolping muss für uns zum Risiko werden, er muss unser Leben
herausfordernde und verändernde Kraft besitzen. Wir müssen uns von Adolph
Kolping immer wieder neu in Frage stellen lassen, uns fragen lassen, ob unsere
Traditionen und Rituale nicht längst zur toten Konvention verkommen sind. Und
wir müssen neu seine Unbequemheit entdecken und uns
konfrontieren lassen mit seiner Radikalität, um uns aus unserer bürgerlichen
Sattheit aufzuschrecken.
„Die Nöte der Zeit werden euch zeigen, was ihr zu tun
habt!“ - Was bedeutet denn dieser Satz Kolpings für uns heute, was verlangt er
von uns an Engagement und Widerständigkeit? Sehen wir uns wirklich zu den
Menschen gesandt, die in Not sind? Wir sind doch Sozialverband. Wie sieht es
mit unserem sozialen Engagement persönlich, in Gemeinde, Gesellschaft und
Kirche aus? Auch in unserer noch immer Überflussgesellschaft ist die Not fast
grenzenlos groß. Sehen wir sie in den Augen der Menschen? Das können wir nur,
wenn wir sie ansehen. Adolph Kolping hat dies getan. Er hatte den Mut, sich
diesen Menschen zuzuwenden, in ihre Not hineinzugehen, sich mit ihnen
solidarisch zu machen und mit ihnen einen Weg zu gehen, der sie aufrichtet zu
aufrechten Menschen zwischen Himmel und Erde.
Maßnehmen am Ursprung. Wir müssen dies immer wieder
tun. Denn Adolph Kolping ist konstitutiv und konstituierend für das Kolpingwerk.
Ohne Kolping kein Kolpingwerk.
Maßnehmen am Ursprung. Kraftnehmen im Ursprung. Und
dann ansetzen zu einem vitalen und leidenschaftlichen Sprung in das Leben, auch
wenn dessen Wasser kalt ist! In das Leben der Menschen, der Gesellschaft, der
Völker – wir sind ja ein internationaler Verband, in dem es zwar Menschen
verschiedener Sprache und Kultur gibt, aber mit gleicher Gesinnung, gleichem
Glauben, gleichem Engagement. – Bei uns gibt es keine AusLänder!
Bedeutet Springen nicht auch, dass wir etwas
zurücklassen müssen, dass wir jemanden zurücklassen müssen? Springen kann man
nur, wenn man das, was einem am Boden hält, zurücklässt. Nicht nur
Gewohnheiten, Liebgewordenes, vielleicht auch Menschen, die nicht mehr
mitkommen, mitspringen können?
Der Dienst des Kolpingwerkes ist Dienst am Menschen,
Dienst am Leben, das wir täglich neu aus der Hand Gottes dankbar empfangen
dürfen. Zu diesem Dienst müssen wir unsere Mitglieder gewinnen und befähigen.
Dazu bedarf es,
wie es Bundespräses Alois Schröder einmal formuliert hat,
1. der persönlichen Identifikation mit den Idealen und
Zielen der Kolpingbewegung.
2. der immer wieder neuen Motivation und Ermutigung zum
Engagement, gerade im Alltag, in dem wir so oft die Wunder des Lebens nicht
mehr sehen.
3. der Wertschätzung und Stiftung innerer und äußerer,
geistiger und gestalteter Einheit in Kolpingsfamilie
und Kolpingwerk, das ein bunter und vielfältiger Organismus ist mit
unterschiedlichen Faszetten, ein lebendiges Ganzes;
es bedarf der Einheit in Vielfalt.
4. der Zeitgenossenschaft. Wir müssen im Heute leben, mit
den Menschen von heute, ihren Sorgen und Nöten, ihrem Denken und Fühlen, „ihrer
Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ (GS 1) verbunden. Nur dann können wir
ihnen auch die befreiende Botschaft des Evangeliums authentisch erzählen, nur
dann Antwort und Hilfe auf „die Nöte der Zeit“, wie es Kolping gesagt hat,
geben.
Vier Aufgaben also sind uns gestellt: Identifikation,
Motivation, Einheit und Zeitgenossenschaft. Wir wollen sie angehen mit zwei
Wegweisungen Adolph Kolpings: „Unser Wahlspruch aber heiße: beten, lernen und
arbeiten.“ Und „Alles mit Ernst und Fröhlichkeit.“
Dies ist tägliche Aufgabe unserer Vereinskultur,
unserer Bildungsarbeit und – des Diözesantages
2009, dessen Leitwort lauten könnte:
„UrSprung ins
Leben !“
Wir nehmen Maß und Kraft in unserem Ursprung, springen
mit leidenschaftlichem Engagement in das Leben der Menschen heute hinein, um es
mitzugestalten, damit es – und damit wir selbst – eine Zukunft haben. Wir tun
es aber, weil wir eine Orientierung haben, unseren Ursprung kennen und damit
das Ziel, auf das hin wir unterwegs sind, die Glut, die wir weitertragen.