„Gott zeigt Dir Deinen Weg!“

Matthias Raab hat es gewagt: 800 km auf dem Jakobspilgerweg

Er hat sich dieses Abenteuer selbst geschenkt: 800 km zu Fuß von St. Jean Pied de Port nach Santiago de Compostela, zum Grab des Apostels Jakobus. Auf den Spuren von HAPE Kerkeling? Eher nicht, aber gleichwohl mit ihm auf den Spuren von Hunderttausenden, die diesen Weg in den Jahrhunderten zuvor gegangen sind, einen Pilgerweg, der ein Wagnis bedeutet, der verändert, an dessen Anfang man nicht weiß, wer man am Ende ist. Für Matthias Raab war diese Pilgerfahrt die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches.

Der Mann aus der Vorderpfalz, Vorsitzender der Kolpingsfamilie Beindersheim, hat natürlich Kerkelings Buch gelesen, wenn auch kritisch. Es war nochmal ein Anstoss, sich auf den Weg zu machen. Vieles von dem, was Kerkeling berichtet hat, hat er gesehen, ähnliches erlebt. Letztlich aber ist er seinen ganz eigenen, persönlichen Weg gegangen. Und das ganz kompromisslos! Außer vielleicht 20 km ist er den ganzen (!) „camino“ allein gelaufen. „Das geht unter die Haut!“, sagt der 44jährige Maschinenschlosser und Schichtführer, dessen Augen immer noch von innen heraus leuchten. Er erlebte eine Landschaft, traumhaft schön, in einer für ihn geradezu himmlischen Ruhe. Er tauchte ein in eine Stille, die hören lässt, was man im Lärm unsere Zeit nicht hört, schauen, was man in der Bilderflut der Mediengesellschaft nicht sieht. Es ist ein Hören und Schauen, das von außen nach innen geht. Die Stille öffnet die Seele. Sie lässt hören, was leise ist, und schauen, was sich hinter den Dingen verbirgt. Die Stille öffnet für die Stimme Gottes und seine Gegenwart in der Welt - und für die Menschen, denen man am Abend in den Pilgerherbergen begegnet.

Auf dem "Camino de Santiago de Compostela".

Stille auf dem Weg und Gemeinschaft am Abend mit Gleichgesinnten, das war für Raab 31 Tage lang der Rhythmus, der ihn antrieb und erfüllte. Er begegnete Menschen aller Nationen, natürlich vielen Deutschen, den „Kerkelinos“, Franzosen und Italienern, aber auch Koreanern, Mexikanern, Amerikanern und Kanadiern. Unter ihnen seltsame Erscheinungen, Originale, die man nur auf dem Jakobsweg trifft. Eine ganz eigenartige Solidarität, eine selbstverständliche gegenseitige Hilfe und Unterstützung, verbindet die Pilger, die den ganzen Weg von St. Jean bis Santiago gehen. Eine Begegnung wird Matthias Raab unvergesslich bleiben: Ab Pamplona trifft er am Abend in der Herberge immer wieder Patrick Power, einen 66jährigen Mann, mit großer innerer Ausstrahlung, mit einem unerschütterlichen Gottvertrauen. Power ist Weihbischof der Erzdiözese Canberra - Goulburn, eine markante Persönlichkeit der katholischen Kirche in Australien. Beide kommen gemeinsam in Santiago an.

Bischof Pat Power aus Canberra mit Matthias Raab. Beide kommen gemeinsam in Santiago an.

Mehrmals passierte es, dass Raab an einer Weggabelung keinen Hinweis fand, welcher Weg zu gehen sei. „Ich habe den ganzen Tag niemanden getroffen, an dieser Weggabelung steht ein Mensch und sagt mir, wo es langgeht.“ Patrick Power deutete ihm diese Erfahrung: „Wenn Du nicht mehr weiter weißt: Gott zeigt dir deinen Weg!“ Auf dem Camino, aber auch im Alltag, in der er zurückkehren wird. Mit einem solchen Gottvertrauen kann man alle Ängste hinter sich lassen. 

Eis, Schnee, Regen und Matsch. Ans Aufgeben denkt Matthias Raab nicht.

Es gab schwierige Phasen auf dem Pilgerweg. Auf einer Tagesetappe vor Burgos erlebte Matthias Raab Eis, Schnee, Regen und Matsch; 12 Stunden unterwegs, fast ohne Pause. Da kommt man an seine physischen und psychischen Grenzen. Dann kein Tag ohne Schmerzen. „Irgendwas tut immer weh!“ Aber ans Aufgeben denkt Matthias nie. Jede Gelegenheit nimmt er wahr, einen Gottesdienst zu besuchen, z.T. in grandios schönen, romanischen Kirchen. Viele der Pilger tun das nicht – „Sie gehen den Weg eher sportlich an.“ Es entgeht ihnen aber auch was. Einmal ging er am späten Vormittag in eine Kirche. Es war Heilige Messe, vielleicht zehn Menschen nahmen teil, überwiegend Frauen. Er wurde hereingewinkt und zur Mitfeier eingeladen, herzlich beim Friedensgruß umarmt. Er war diesen Menschen unbekannt und wurde von ihnen an- und in ihre Gemeinschaft aufgenommen. Die Erinnerung daran bewegt Matthias noch heute. 

Mit Pilgerstab, Pilgermuschel und - Kolping-K!

Wehmut erfüllt ihn, wenn er an die Menschen denkt, denen er begegnet und vertraut geworden ist: „Menschen, die Dir ans Herz gewachsenen sind, siehst du nicht wieder.“ Was bleibt? „Die Erfahrung, dass man mit ganz wenig auskommt. Du brauchst nicht viel, um glücklich zu sein. Man wird toleranter, gelassener. Das Alleinsein war ganz wichtig. Ich bin mir selbst begegnet und war mit mir selbst unterwegs.“

Und am Ende? Ein Regenbogen über Santiago de Compostela – Freude, Tränen, einfach nur Glück!