„Wer Gott umarmt, der findet in seinen Armen das Gewicht der Welt“
(Madeleine Delbrêl)
DEIDESHEIM: Thomas Bettinger
beim Kolping-Bezirksbildungstag - Von Gottesglauben und Weltdienst
„In der Ohnmacht seiner Liebe zeigt sich die Bedürftigkeit Gottes nach dem Menschen. So wie der Mensch den anderen Menschen braucht, um Mensch zu werden, braucht Gott den Menschen, um Gott zu sein. In dieser Bedürftigkeit liegt die Gottebenbildlichkeit und einzigartige Würde des Menschen begründet“, sagte Diplomtheologe Thomas Bettinger (Landstuhl) vor 50 Zuhörern im katholischen Pfarrzentrum Deidesheim. Im Rahmen des jährlichen Bezirksbildungstages der Kolpingsfamilien im Bezirksverband Neustadt / Bad Dürkheim sprach der Diözesansekretär des Kolpingwerkes über den Zusammenhang von Gottesglauben und Weltdienst.

Ein Zitat von
Madeleine Delbrêl stellte der Referent in den Mittelpunkt seiner Ausführungen: „Wer
Gott umarmt, der findet in seinen Armen das Gewicht der Welt“ (Madeleine
Delbrêl). Ihr persönliches Gottesverhältnis und ihr Dienst als Sozialarbeiterin
und Seelsorgerin an den Menschen seien für sie zwei Seiten ein und derselben
Medaille: Ihr soziales Engagement sei gelebter Glaube, Ihr Glaube ein Glaube
der Tat. Wer an Gott glaube, werde in die Welt hinein geworfen, zum Heilsdienst
an Mensch und Welt bestellt. In dieser Überzeugung stünde sie Menschen wie
Adolph Kolping und Paul Josef Nardini nahe.
„Das Gottesbild eines Gläubigen ist entscheidend dafür, wie er in der Welt lebt“, führte Bettinger weiter aus. Es gebe einen Zusammenhang von Gottesglauben und Weltflucht, die immer auch Menschenflucht sei, von Gottesbild und ökologisch-sozialem Engagement. Die eigenen Gottesbilder müsse man aber immer wieder loslassen! „Das Loslassen Gottes als eines Besitzes öffnet mich neu für eine Gottesbegegnung, für ein neues Bild von Gott. Es macht mich offen für einen neuen Advent, der alles verändert.“ Denn: Kein Christentum ohne Gotteserfahrung! Noch kurz vor ihrem Tod habe Madelein Delbrêl gesagt: „Ich bin von Gott begeistert worden und bin es immer noch.“
Ausgehend von Ps
104 Vers 1 entwickelte Bettinger den Gedanken von der Menschenbedürftigkeit Gottes.
Martin Buber übersetze den Vers 1 anders als die Einheitsübersetzung: „Segne,
meine Seele, IHN (den HERRN)“. Segnen heißt im Lateinischen benedicere, d.h.
Gutes sagen. Segnen meine also, jemandem etwas Gutes zusprechen, ihm Heil
wünschen. Segnen sei Weitergabe, Bitte um Schutz und Bergung des Lebens. „Aber
kann ich Gott das Leben weitergeben, dessen Ursprung er selbst ist? Ihn in
einem Segen schützen und bergen?“, fragte der Theologe.
Der Mensch sei
das einzige Lebewesen, das Gott aufrecht als Gesprächspartner
gegenüber stehe, das einzige Geschöpf, das „Gott selbst segnen“ könne. Denn Gott
brauche den Menschen. „Gott braucht Freunde“, zitierte der Referent die
bedeutende Theologin und Mystikerin Dorothee Sölle. „Gott ist angewiesen auf
uns schwache Menschen, die sich für ihn einsetzen, ihn beschützen, ihn zu Gehör
bringen, die ihn verteidigen und gegen das Geschwätz, Gott sei tot, reden, die
seine Würde, die so oft in den Schmutz gezogen wird, bewahren. Deshalb sagt der
Psalm: Ich segne dich, mein Gott! So wie ich einen Menschen segne, den ich
liebe, so segne ich dich, Gott, den ich liebe.“ Gott wolle geliebt werden, er
brauche den Menschen als seinen Geliebten, der ihn umarmt und segnet in der
Ohnmacht seiner Liebe.
Gott brauche uns – und seine Schöpfung! -, um Gott zu sein, weil er sich selbst als Gott für Welt und Mensch verfasst habe. Aber auch in jedem Menschen begegne mir Gott, besonders in den Leidenden, Hilfsbedürftigen, Ohnmächtigen: „Gott braucht den Menschen um seiner selbst willen und - um des Menschen willen.“ Das heiße als Konsequenz: Der Gottesglaube führt in die Welt, Gottesglauben und Menschendienst sind eins: Spiritualität und Solidarität sind die zwei Seiten ein und derselben Medaille - „Wer Gott umarmt, findet in seinen Armen das Gewicht der Welt.“
Es seien die Mystiker wie Madeleine Delbrêl, Adolph Kolping und Paul Josef Nardini, die uns lehrten, dass in der Einung der Seele mit Gott die Einübung in die Sichtweise Gottes geschehe, „es ist die Wahrnehmung des Kleinen, des Unerheblichen, das Hören auf das Geschrei der Kinder Gottes, die in Ägypten in Sklaverei sind … Sieh, was Gott sieht. Hör, was Gott hört. Lache, wo Gott lacht. Weine, wo Gott weint“ (Dorothee Sölle). Beten sei Einübung in die Sichtweise Gottes. Beten werde dann zu einem zentralen, fundamentalen Ereignis der Kolpingsfamilie! Denn: „Die Kolpingsfamilie ist Glaubensort!“
Nur ein sozial engagiertes Christentum sei ein legitimiertes Christentum. Weltdienst sei tätiger Gottesglaube, meinte abschließend der Referent. Nur eine sozial engagierte Kolpingsfamilie sei eine von Adolph Kolping legitimierte Kolpingsfamilie. Der große Diözesantag des Kolpingwerkes am 22./23. August 2009, mit seinem Leitwort: „UrSprung ins Leben“, werde besonders diese Dimension des Kolpingwerkes bewusst machen und das vielfältige soziale Engagement der Kolpingsfamilien zeigen und dazu ermutigen! Adolph Kolpings Wort sei dabei wegweisend: „Die Nöte der Zeit werden euch zeigen, was ihr zu tun habt“. Überall, wo so der Würde des Menschen zum Recht verholfen werde, werde Gott selbst gegenwärtig und erfahrbar. „Soziales Engagement ist Präsentsetzung Gottes in der Welt!“
Bezirksvorsitzender Karlheinz Eschmann hatte zuvor den Referenten in seiner Eröffnungsansprache in der „Kolpingstubb“ herzlich willkommen geheißen. Die stellvertretende Diözesanvorsitzende Elke Boudgoust (Ludwigshafen-Oggersheim) überbrachte die Grüße des Diözesanverbandes und lud herzlich ein zur Teilnahme am Diözesantag 2009. Bezirkspräses Pfarrer Matthias Bertram (Offenbach) zelebrierte nach dem gemeinsamen Mittagessen und der abschließenden Aussprache die heilige Messe in der Pfarrkirche St. Ulrich. Passend zum Thema predigte er über die matthäische Gerichtsrede Jesu: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Matthäus-Evangelium 25,40).