"Nur wer sich ändert bleibt sich treu!"
Vorsitzende und Präsides des Kolpingwerkes berieten über die Zukunft des Verbandes -
Kolping neu denken!
Homburg. – Nahezu 50 Vorsitzende und Präsides aus den Kolpingsfamilien und Bezirksverbänden des Kolpingwerkes im Bistum Speyer konnten der Diözesanvorsitzende Rolf Schäfer, Oggersheim, und Diözesanpräses Pfarrer Andreas König, Hochspeyer, im Kardinal-Wendel-Haus, Homburg, zu ihrer – erstmals zweitägigen - Jahrestagung begrüßen. Im Mittelpunkt der Beratungen standen der Meinungs- und Erfahrungsaustausch zwischen den einzelnen Kolpingsfamilien, aber auch zwischen den verschiedenen Verbandsebenen, die Beratung über die Entwicklung des Verbandes angesichts leerer Kassen in Kirche und Staat sowie Überlegungen für ein modernes Kolpingwerk, das sich seiner Wurzeln bewußt ist, aber mit erneuerten Strukturen und einem zeitgemäßen Angebot für die Menschen die Zukunft selbstbewußt mitgestalten wird.
Persönlichkeitswachstum als "Belohnung"
In seinen einführenden Impulsen fragte Bildungsreferent Thomas Bettinger: "Warum bin ich in der Kolpingsfamilie? Warum engagiere ich mich im Kolpingwerk?" Jeder erwarte zu Recht aus seiner Kolpingarbeit ein Stück "Belohnung" für sich. Die Belohnung für das Engagement in der Kolpingsfamilien heiße Persönlichkeitswachstum. Die Mitglieder und Verantwortlichen könnten in ihrer Persönlichkeit wachsen durch Anerkennung und Wertschätzung, durch Reflexion ihrer Arbeit, ihres Handelns und der daraus erwachsenden Selbsterfahrung. Bettinger wies darauf hin, dass am Ende eines Lebens es nicht wichtig sei, was jemand getan habe, sondern was er geworden sei. Er fragte: "Hilft mir Kolping dabei, durch mein Engagement etwas zu werden? Der zu werden, der ich von Anfang an von Gott her bin? Bietet mir Kolping den Raum, die Betätigungsfelder, die Motivation und die Menschen, die mich herausfordern, mit denen und für die ich mich leidenschaftlich engagieren will?"

Die Konferenzleitung (n.l.n.r.): Geschäftsführerin Friedel Adam, Klaus
Butz, Josef Heitz,
Diözesanvorsitzender Rolf Schäfer, Diözesanpräses Pfr. Andreas König und
Thomas Bettinger.
Ehrenamtliche Verantwortungsträger brauchen Orte der Selbstsorge
Kolping müsse Ort der Menschwerdung, der Persönlichkeitsentwicklung sein, ein Ort, wo Originale, nicht Kopien von Menschen gebildet würden. Dies mache für ihn den vielbeschworenen "Mehrwert" der Kolping-Mitgliedschaft aus. "Sind unsere Kolpingsfamilien solche Orte? Finden das die Ehrenamtlichen in unserem Verband?", fragte der Referent weiter. Er forderte für die Verantwortungsträger einen "Ort der Selbstsorge, wo sie wechselseitig Anerkennung und Wertschätzung in der Reflexion ihres Engagements erfahren, auch und gerade wenn sie schwach sind und Fehler machen." Er schlug vor, eine Möglichkeit der Supervision für die ehrenamtlichen Vorstände zu schaffen, in der sich solche Selbsterfahrung ereignen könne. Hierher gehöre für ihn auch das "Hineinhorchen in die Transzendenz des eigenen Selbst" als Weg zu den "Tiefen verschütteter ... authentischer religiöser Erfahrung." (K. Gabriel). Die Entwicklung einer lebendigen Kolping-Spiritualität sei Fundament und treibende Kraft für eine gute Zukunft von Kolpingsfamilien und Kolpingwerk, sagte der Theologe.
Kolpingsfamilien – "Orte des Gemeinsinns und des guten Lebens"
Bettinger brachte weiter den Gedanken in die Diskussion, die Kolpingsfamilien zu "Orten des Gemeinsinns und des guten Lebens" (Wilhelm Schmid) zu machen. Solche Orte entwickelten sich im Umkreis des "neuen Ehrenamts", in Experimenten wie Bürgerinitiativen, Umwelt- und Eine-Welt-Gruppen, alternativen Genossenschaften und Banken, in neuen kirchlichen Sozialformen, die sich an den Basisgemeinden Lateinamerikas orientieren. Es seien Orte, an denen Menschen gemeinsam am gesellschaftlichen oder kirchlichen Allgemeinwohl arbeiteten, dabei aber auch selbst als Individuen Wohl erführen, Selbstsorge übten. Es seien Orte, die ideell und kulturell Gegenmilieus zu den herrschenden Werten und den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Ordnungen bildeten, Orte, in denen sich Kreativität entfalten, neue Gedanken, Ideen und Strukturen bilden könnten. Er zitierte den Münsteraner Theologen Hermann Steinkamp: "In einer Gesellschaft zunehmend atomisierter Individuen, deren Beziehungen von den Imperativen des Marktes und den Illusionen der ‚schönen neuen Welt‘ der Massenmedien geprägt werden, sind solche `Orte´ nicht nur für viele Menschen notwendig, die nicht `vom Brot allein´ leben wollen, sondern auch Modelle einer künftigen Gesellschaft."

Das Diözesanleitungsteam berichtete über die Jugendarbeit im
Diözesanverband. das Bild zeigt
Petra Mäder, ihr gegenüber Martin Garst und Richard Heitz von der
Jugendleitung.
Die Kolpingsfamilie wende sich an Menschen, die nicht "vom Brot allein" lebten. Wolle sie Zukunft haben, müsse sie sich in Orientierung an ihren Grundsätzen, am Evangelium Jesu Christi und an Adolph Kolping, aufmachen, um zu einem "Ort des Gemeinsinns und des guten Lebens" zu werden. Sie brauche einen wachsamen Blick auf die Notwendigkeiten einer Gemeinde und die Bedürfnisse der Menschen. Sie müsse eine Gemeinschaft sein, die in Kontakt stehe zu ihren geistigen Quellen, aus denen sie lebe, in der Menschen aufatmen, Sinn und Freude am Leben, die Güte des Lebens selbst erfahren könnten.
Kreative Gesprächskultur
Als Instrumentarien, Kolping neu zu denken, schlug der Referent u.a. vor:
Bettinger schloß mit einem Wort Wolf Biermanns: "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu." Nur wer den Weg der Veränderung gehe, könne das Potential entfalten, das in ihm liege, so auch erst erfahren, was von Dauer sei und über den Tod hinaus trage. Nur im Aufbruch und Verlassen von Sicherheiten gewinne man Zukunft!
In intensiven Gesprächen in den Kleingruppen, am Rande der Tagung und am Abend wurden viele Fragen diskutiert, manche Skepsis gegenüber gesellschaftlichen und kirchlichen Entwicklungen geäußert, Lösungen für Probleme, gangbare Wege nach vorne gesucht. Im Mittelpunkt des Informationsblocks über die aktuellen Maßnahmen des Diözesanvorstandes standen die Jahresplanung 2007, die Jugend- und Junge-Familien-Arbeit, die Aktion Brasilien, das Engagement für das ungeborene Leben und die Vorstellung eines Positionspapiers, mit dem das Kolpingwerk für die Gleichwertigkeit von Erwerbs-, Familien- und Gesellschaftstätigkeit in der politischen Öffentlichkeit eintritt. Die Vision eines großen Diözesantages 2009 wurde von Diözesanpräses König eingebracht. Thomas Bettinger berichtete über die Arbeit der Finanz- und der Satzungskommission.
Regelmäßige Begegnungen, eine erneuerte Gesprächskultur und ein ständiger Dialog zwischen den Verantwortungsträgern wurden von den anwesenden Mandatsträgern als wichtige Elemente eines zukunftsfähigen Kolpingwerkes genannt. Die Diözesankonferenz der Vorsitzenden und Präsides als Ort des Dialoges zwischen Verbandsleitung und örtlichen Kolpingsfamilien sei unverzichtbares Instrument eines denkenden Kolpingwerkes. Als Resümee konnte der Diözesanvorsitzende Rolf Schäfer festhalten, daß die Tagung von den Beteiligten als lebendig und fruchtbar für ihre Arbeit gewertet wurde.
Fotos: Simone Schäfer