Kolping muß Heimat für die "neuen Handwerksgesellen" werden
Bundessekretär Victor Feiler vor der Diözesanversammlung des Kolpingwerkes
- Kolpingjugend mit sieben Mitgliedern im Vorstand vertreten
Grünstadt. Die Kolpingsfamilien müßten Gemeinschaften der Lebenshilfe und der Integration von sozial Ausgegrenzten und wirtschaftlich Benachteiligten sein, d.h. zur Heimat für die "neuen Handwerksgesellen" in unserer Gesellschaft werden, forderte Diplompolitologe Victor Feiler, Köln, der Bundessekretär des Kolpingwerkes Deutschland, in einer über 60-minütigen leidenschaftlichen Rede vor 150 Delegierten des Kolpingwerkes, die im Pfarrheim St. Peter, Grünstadt, zu ihrer jährlichen Diözesanversammlung zusammengekommen waren.
Antworten des Kolpingwerkes auf die Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft formulierte Feiler in seinem Grundsatzreferat. Er skizzierte die wirtschaftlichen Entwicklungen, die mit der Globalisierung verbunden sind: weltweit kursierendes Kapital, Wettbewerb zwischen global tätigen Unternehmen, Verlust der Gestaltungskompetenz der nationalen Wirtschaftspolitik, Export von Unternehmen und Verlust von Arbeitsplätzen. Die Industriegesellschaft wandle sich zur wissensbasierten Dienstleistungsgesellschaft. Das auf Bismarck zurückgehende Modell des Sozialstaates sei in Frage gestellt, soziale Sicherung und sozialer Status über Erwerbsarbeit für immer mehr Menschen nicht mehr möglich. Der Referent wörtlich: "Die neue politische und soziale Frage lautet: Wer ist im System, wer ist ausgegrenzt?"

Bundessekretär Victor Feiler bei seinem Grundsatzreferat im Pfarrheim St. Peter, Grünstadt, am Samstag, dem 13. Mai 2006..
Lebenslanges Lernen und berufliche Mobilität stellten die Menschen vor große persönliche Herausforderungen. Die gesellschaftlichen Veränderungen, so der Referent, seien geprägt durch mehr Chancen, aber auch wachsende Risiken für den Einzelnen. Eine "Alles ist erlaubt"-Mentalität setze sich nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in Kultur und persönlichem Umgang immer mehr durch. Die prägende Kraft des Religiösen sinke, die ehemals geschlossenen Arbeiter- und Kirchenmilieus lösten sich auf, Autorität werde grundsätzlich in Frage gestellt. Die Gesellschaft spalte sich immer stärker in wirtschaftliche und soziale Gewinner und Verlierer.
Die Auswirkungen auf den einzelnen Menschen seien enorm: Mehr Freiheit und individuelle Selbstbestimmung sei mit Orientierungslosigkeit (Verlust von Sinnstiftungsinstanzen, z.B. Religion) und steigender Verunsicherung in der eigenen Lebensplanung verbunden, wachsender Flexibilitätszwang mit sinkender Bindungsbereitschaft und schwindender Einbindung in soziale Strukturen (z.B. Rückgang der Mitgliedszahlen von Vereinen, von kontinuierlichem ehrenamtlichem Engagement). Der Zwang zur Mobilität wirke sich negativ auf die Bereitschaft zur Familiengründung aus. Die "durchkapitalisierte Nützlichkeitsgesellschaft" erweise sich im Kern als kinderfeindliche Gesellschaft.
Feiler forderte die Delegierten auf, die Kolpingsfamilie zur Antwortgemeinschaft auf die gesellschaftlichen Herausforderungen zu machen. Dies bedeute u.a., daß die Kolpingsfamilie Ort der Vermittlung und Fundierung religiösen Wissens sein müsse, Ort der Orientierung an der Botschaft und Werteordnung des Evangeliums. "Kolping ist Scharnier zwischen Kirche und Gesellschaft. Wer heute die Verbände kürzt, braucht sich nicht zu wundern, daß die Kirchen in 10 Jahren noch leerer als heute sind", meinte der Referent. Christlicher Auftrag in Zeiten zunehmender Anonymisierung sei es, Orte der Gemeinschaft für Menschen zu schaffen, die allein sind oder arbeitslos. Die Kolpingsfamilien könnten diese Aufgaben wahrnehmen. Viele Menschen würden heute Opfer manchasterkapitalistischer Zustände. In den Kolpingsfamilie könnten sie als Menschen anerkannt werden und Selbstbestätigung in neuen Aufgabenfeldern finden. Die Kolpingsfamilie sei wieder neu als familienhafte Gemeinschaft zu entdecken, familienhaft für Menschen, die keine Familie mehr haben. "Dies ist unsere Antwort auf die Singlegesellschaft." Die Kolpingsfamilie könne auch Familien, die darauf nicht zurückgreifen können, mit Familienleistungen, z.B. Babysitting, unterstützen. Die Kolpingsfamilien müßten weiter Orte sein, in denen Menschen von anderen lernen. Fachwissen allein genüge heute nicht mehr. Immer öfter würden bei Stellenbewerbungen "soziale Kompetenzen", z.B. Gemeinschafts- und Teamfähigkeit, verlangt. "Soziale Kompetenzen lernen Menschen bei uns in den Verbänden." Wir bräuchten aber auch neue Arbeitsformen, die in Zeiten der Mobilität jungen Menschen die Mitarbeit ermöglichten. Victor Feiler forderte die Delegierten auf, mit gesundem Selbstbewußtsein die Herausforderungen an den Verband anzupacken. Die Verbände seien wesentliche und unverzichtbare Faktoren in der Entwicklung einer nachhaltigen menschenwürdigen und demokratischen Kultur in Deutschland.

DV Rolf Schäfer dankt Victor Feiler nach seinem fulminanten Vortrag.
Diözesanvorsitzender Rolf Schäfer, Oggersheim, eröffnete die Diözesanversammlung. Mit einem Gebet stellte Diözesanpräses Pfarrer Andreas König, Hochspeyer, die Delegiertenversammlung unter den Segen Gottes. Pfarrer Martin Tiator begrüßte als Hausherr herzlich die aus der ganzen Diözese angereisten Delegierten. Rolf Schäfer führte in den 60seitigen Geschäftsbericht ein und markierte die wichtigsten Ereignisse des verbandlichen Lebens im Jahr 2005. Mit einer Powerpointpräsentation berichtete für die Kolpingjugend Annette Schwab, Heidelberg, über die Jugendarbeit 2005. Geschäftsführerin Friedel Adam, Kaiserslautern, legte den Finanzbericht vor, Johannes Scholz, Kaiserslautern, den Kassenprüfbericht. Der Vorstand wurde mit großer Mehrheit entlastet. Nach ausführlicher Diskussion beschloß die Versammlung die Einrichtung eine "Zukunftskommission", die sich mit den Aufgaben des Diözesanverbandes befassen und Vorschläge zu ihrer Finanzierung erarbeiten soll. Eine Satzungskommission soll die Einrichtung eines Rechtsträgers für den Diözesanverband prüfen und, falls notwendig, einen Satzungsentwurf erarbeiten. Mit fast Dreiviertel-Mehrheit nahm die Diözesanversammlung den Antrag der Kolpingjugend an, alle sieben Mitglieder des Diözesanleitungsteams der Kolpingjugend mit Sitz und Stimme in den Diözesanvorstand zu berufen.

"Auf der faulen Haut"? - Das neue Diözesanleitungsteam der Kolpingjugend bei der Diözesankonferenz am 6. Mai in Bad Dürkheim. Von links oben nach rechts oben: Richard Heitz, Petra Mäder (beide LU-Pfingstweide), Martin Garst (Hettenleidelheim), Marika Schiefner (Erfenbach), Stefan Stähly (Niederkirchen), Simone Schäfer (Weilerbach) und Annette Schwab (Hettenleidelheim / Heidelberg).
Unter dem Applaus der Delegierten dankte der Vorsitzende Schäfer in seinem Schlußwort der Kolpingsfamilie Grünstadt für die herzliche Aufnahme und die organisatorisch hervorragend ausgerichtete Diözesanversammlung. Schäfer dankte dem Tagungspräsidium, Diakon Andreas Stellmann, Heßheim, Matthias Raab, Dirmstein, und Bildungsreferent Thomas Bettinger, für die souveräne Verhandlungsleitung. Mit dem Kolpinglied schloß die Diözesanversammlung 2006. (tb)