Die Europäische Union – Ordnungsmodell für die Welt
Europaabgeordneter Kurt Lechner über die "Europäische Einigung und christliche Werte" – 250 Pilger bei Kolping-Diözesanwallfahrt

Bockenheim. Auch in diesem Jahr wurde das Fest Peter und Paul in Bockenheim auf seine besondere Art und Weise gefeiert: Etwa 250 Pilger aus den Kolpingsfamilien der gesamten Diözese Speyer trafen sich an der katholischen Pfarrkirche zu ihrer traditionellen Wallfahrt. Nach der Statio am Grab des ehemaligen Diözesanpräses Oskar Isidor Schlachter, dem Begründer der "Bockenheim-Wallfahrt", zogen sie singend mit ihren Bannern in eucharistischer Prozession zur nahegelegenen Heiligenkapelle in den Weinbergen, einer frühchristlichen Gedenkstätte, die schon seit dem Jahr 730 urkundlich belegt ist. Die Montranz mit dem Allerheiligsten trug Diakon Hans Eichel aus Bexbach, den Pilgerzug begleitete musikalisch die Kolpingkapelle Ramsen. Die Heilige Messe vor der Kapelle zelebrierte Diözesanpräses Pfarrer Andreas König, Hochspeyer.

König legte seiner Predigt das Evangelium vom Seesturm zu Grunde. Rau wie ein heftiger Sturm blase der Zeitgeist den Gläubigen heute ins Gesicht. Kolpingsfamilien und Pfarreien samt ihren Kirchen drohten unterzugehen. Einige kirchliche Vereine seien bereits aufgelöst. Nur wer von der Liebe Christi getragen werde, könne dem Sturm, blase er dem Christ auch noch so heftig ins Gesicht, unbeschadet überstehen und werde fähig, die Welt im christlichen Glauben zu erneuern. Die Welt von heute, in der so vieles im Argen liege, brauche nichts dringender als Menschen, die sie aus christlichem Geist heraus umgestalten. Die Welt warte geradezu darauf.

Die Pilger bei der Heiligen Messe vor der Heiligenkapelle in den Weinbergen über Bockenheim. 
(Foto: Schindler)

Das Motto des Saarbrücker Katholikentags: "Gerechtigkeit vor Gottes Angesicht" machte der Prediger zum zentralen Thema seiner Ausführungen. Gerechtigkeit sei eine der großen Herausforderungen der Gegenwart für die Zukunft, Gerechtigkeit in den Beziehungen zwischen Jung und Alt, Gesunden und Kranken, Arbeitenden und Arbeitslosen. Die Zahl der "Hartz IV"-Empfänger nehme zu, Unternehmen prahlten mit Rekordgewinnen und bauten gleichzeitig Arbeitsplätze ab oder verlegten sie ins Ausland. "Woher soll die soziale Gerechtigkeit kommen, wenn nicht aus christlichem Geist? Wie soll Gerechtigkeit verwirklicht werden, wenn nicht mit den Idealen Adolph Kolpings, wenn nicht mit den Grundsätzen und Leitlinien der christlichen Gesellschaftslehre?", fragte der Diözesanpräses. Das christliche Menschenbild verlange eine bedingungslose Achtung der Menschenwürde, und dies von der Zeugung bis zum Tod. Es dürfe niemand hinnehmen, dass der Mensch erst geschaffen werde, um ihn dann wieder zu töten, so König. Jede Kolpingschwester und jeder Kolpingbruder sei dazu aufgerufen, in seiner Kolpingsfamilie und in seiner Pfarrei mitzuarbeiten, um den Fortbestand des Kolpingwerkes als christlicher Sozialverband in Deutschland, Europa und weltweit zu sichern, endete König seine eindrückliche Predigt.

Festreferent der Kundgebung in der "Emichsburg" war Kurt Lechner, Kaiserslautern, Mitglied des Europäischen Parlaments. Er referierte zum Thema: "Europäische Einigung und christliche Werte". Vor allem das Bewusstsein der gemeinsamen christlichen Grundüberzeugungen hätte die Europäische Einigung nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges eingeleitet. Es sei kein Zufall, dass es in ihrem katholischen Glauben verwurzelte Staatsmänner waren, die die entscheidenden Weichenstellungen für den Einigungsprozeß vorgenommen hätten, sagte Lechner. Alcide de Gasperi aus Italien, Konrad Adenauer, der erste deutsche Bundeskanzler, und vor allem der tiefgläubige französische Außenminister Robert Schumann seien Patrioten gewesen, die die Zukunft ihrer Nationen nur in einem vereinigten Europa denken konnten. Lechner verglich die europäische Einigung mit der Fußball-Weltmeisterschaft. Sowie die Nationalmannschaften gegeneinander kämpften, ihre Spieler aber in Vereinsmannschaften zusammen spielten und dort eine Gemeinschaft bildeten, so seien die Staaten Europas mit ihren unterschiedlichen nationalen Interessen zu einer Einheit verwoben.

Kurt Lechner MdEP bei seinem Referat in der "Emichsburg". (Foto: Kolpingwerk)

Europa lasse sich nicht in einem fertigen Endzustand, wie Dogmatiker dies tun würden, beschreiben, sondern gehe Schritt um Schritt voran, immer dort, wo sich Möglichkeiten zur Einigung ergäben. Europa sei kein fertiges Modell, sondern eine Baustelle, an der immer weiter gebaut werden müsse, so die Überzeugung des Referenten. Kein Land der europäischen Union – auch nicht Deutschland als das größte – könne seine Probleme mehr national bewältigen. Auch die Behandlung von Krisenherden außerhalb der Europäischen Union könnten nicht nur aus ethischen, sondern auch aus ganz praktischen Gründen nur gemeinsam angegangen werden, meinte der Angeordnete. Es komme deshalb darauf an, den Menschen bewusst zu machen, dass die Herausforderungen der modernen Welt nicht mit dem Hochziehen neuer Grenzen beantwortet werden könnten. Wir dürften nicht die Schotten dicht machen und aus der Realität aussteigen, argumentierte der Abgeordnete.

Um eine Handlungsfähigkeit zu erreichen, die bei den außen- und sicherheitspolitischen Fragen Voraussetzung für eine Problemlösung sei, sei ein Verfassungsvertrag notwendig, in dem ein Grundrechtskatalog eingebunden ist, der auch unsere Grundrechte enthalte. Es sei nicht nur ärgerlich, es sei schlimm, dass der über Jahre ausgearbeitete Verfassungsvertrag kein ausdrückliches Bekenntnis zu den christlichen Werten kenne und ein Gottesbezug fehle, sagte Lechner. Adolph Kolping habe als theologischer Denker und Priester christliche Ideale und Strukturen in sein Werk eingebunden, mit denen noch heute großartige Erfolge erzielt würden, so der Redner. Wenn wir den im christlichen Glauben begründeten Auftrag zur Gestaltung einer menschenwürdigen Welt und zur Erhaltung der Lebensgrundlagen auf der Erde für die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder gerecht werden wollten, bräuchten wir diese Europäische Union als ein einzigartiges Ordnungsmodell für die Welt. Europa dürfe sich deshalb nicht einigeln und einmauern, es dürfe auch keine Festung werden. Europa müsse offen sein, um seine Ideen und Werte in die Welt hinaustragen zu können, forderte Lechner als Mitglied des Europäischen Parlamentes. (sdl)