Das Kolpingwerk stellt sich auf für die Zukunft

Bundesvorsitzender Thomas Dörflinger MdB bei Wallfahrt in Bockenheim - Geschärftes programmatisches Profil und Kampagnefähigkeit gefordert

Bockenheim. Mehr als 300 Kolpingmitglieder waren mit ihren Bannern nach Bockenheim gekommen, um mit Diözesanpräses Pfarrer Andreas König, Hochspeyer, in einer eucharistischen Prozession durch die Weinberge und der anschließenden Meßfeier vor der Heiligenkapelle ihren Glauben zu bezeugen. Diakon Br. Thomas Freidel OFMConv, Kaiserslautern, trug die Monstranz. Die Wallfahrt wurde traditionsgemäß eröffnet mit der Statio am Grab des Begründers der Wallfahrt, Diözesanpräses Oskar Isidor Schlachter.

Prozession durch die Weinberge zur Heiligenkirche.

Diözesanvorsitzender Rolf Schäfer mit dem DV-Banner.

Diözesanpräses Andreas König ging in seiner Predigt von der Frage aus, warum Menschen Wallfahrten an heilige Orte unternähmen und dabei die oft beschwerlichen Aufstiege auf Höhen und Berge nicht scheuten. Wie hier in Bockenheim suchten sie im Aufstieg zum Wallfahrtsort, im Aufschwingen der Seele aus dem Irdischen in das Himmlische die Begegnung mit dem Herrn. In einzigartiger Weise sei es an Wallfahrtsorten möglich, in die Sphäre des Heiligen aufzusteigen und einzutauchen, Gottes Nähe zu erspüren, im Gottesdienst, vor allem im Sakrament des Altares, in Meditation und Gebet ihm selbst zu begegnen. Die Menschen trachteten danach, den Willen Gottes für ihr eigenes Leben zu erkennen, und beteten um die Kraft, diesen zu tun. Die Erfüllung des Willens Gottes sei mehr als die Erfüllung der eigenen Wünsche. Wer den Willen Gottes zum Maßstab seines Lebens mache, trete in die Nachfolge Jesu ein, und gewinne das Leben, das mehr ist als das Leben nach den eigenen Vorstellungen, nämlich göttliches Leben. Mit dem eucharistischen Segen und dem Te Deum endete der Wallfahrtsgottesdienst. Die Diakone Bruder Thomas und Klaus-Peter Hilzensauer, Speyer, assistierten Diözesanpräses König. Hilzensauer dankte König im Namen der Gottesdienstgemeinde für seinen Dienst der Geistlichen Leitung im Kolpingwerk und sein Predigtwort. - Die Kollekte erbrachte einen Erlös von mehr als 400,00 Euro für die "Aktion Brasilien".

Gottesdienst vor der Heiligenkirche: Diakon Klaus-Peter Hilzensauer, Speyer,
Diözesanpräses Pfarrer Andreas König und Diakon Br. Thomas Freidel OFMConv, Kaiserslautern.

In der Festhalle "Emichsburg" konnte der Diözesanvorsitzende des Kolpingwerkes, Rolf Schäfer, Oggersheim, den neuen Bundesvorsitzenden des Kolpingwerkes, Thomas Dörflinger MdB, Waldshut-Tiengen, als Festreferenten herzlich begrüßen. Dörflingers Thema: "Das Kolpingwerk auf dem Weg in die Zukunft".

Thomas Dörflinger MdB
Bundesvorsitzender des Kolpingwerkes Deutschland.

Dörflinger begann mit einem Wort des Kolpingbruders Erwin Teufel: "Politik beginnt mit dem Wahrnehmen der Realtität." Dies gelte auch für das Kolpingwerk, wenn es den Weg in die Zukunft finden und gehen wolle. Der demographische Wandel bedeute für die Kolpingsfamilien Überalterung und sinkende Mitgliedszahlen sowie, bei einem gleichzeitig härter als früher geführten Konkurrenzkampf um die Jugend, weniger Nachwuchs aus den jungen Jahrgängen. Die Frage nach dem Wert einer Mitgliedschaft müsse heute neu beantwortet werden: Der persönliche Mehrwert der Kolpingmitgliedschaft, der früher im Erwerb beruflicher Kompetenzen lag, müsse durch neue Anreize für eine Mitgliedschaft gefunden werden.

Der Rückgang staatlicher und kirchlicher Zuschüsse verlange eine neue Konzeption für die verbandliche und personale Struktur des Kolpingwerkes. Der Aufbau eines Kapitalstocks, mit dessen Erlösen eine Grundsicherung von unverzichtbaren verbandlichen Diensten und Leistungen gewährleisten werden soll, sei eine Antwort. Dörflinger wies mit Nachdruck daraufhin, daß das Kolpingwerk auf die Kompetenz hauptamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht verzichten können: "Wir brauchen den hauptamtlichen Input", um professionell Ideen und Konzepte sowie Umsetzungsstrategien für die ehrenamtlichen Verantwortungsträger im Verband entwickeln zu können.

Kundgebung in der Festhalle "Emichsburg": rechts vorne der Referent, Thomas Dörflinger MdB.

Der gelernte Journalist Dörflinger mahnte die Kampagnefähigkeit des Kolpingwerkes an. Dies setze funktionierende, lückenlose vertikale und horizontale Kommunikation voraus. Ohne moderne Kommunikationsstrukturen werde der Verband keine Zukunft haben. Die Kampagnefähigkeit sei Voraussetzung, eigene Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen, wahrgenommen zu werden und auch Wirkung auszulösen. Diese Kampagnefähigkeit habe das Kolpingwerk derzeit nicht, sagte selbstkritisch der Bundesvorsitzende. Der baldige Aufbau eines Kommunikationsnetzwerkes Kolping sei eine der dringlichsten Aufgaben im Verband.

Bei allen Überlegungen, insbesondere wie sie derzeit in der Zukunftskommission angestellt würden, müsse von unten nach oben gedacht werden. Bei allem müsse vor Augen stehen: "Was bedeutet dies für die Kolpingsfamilie? Was dient der Kolpingsfamilie?" Dieses Prinzip erde die gesamte konzeptionelle Arbeit und verwurzele sie dort, wo Kolping primär lebt: in den örtlichen Gemeinschaften.

Dörflinger fragte weiter: "Wir sind Jugend-, Arbeitnehmer-, Arbeitgeber-, Senioren- und Familienverband? Können wir das alles leisten? Wollen wir dies alles leisten? Alles in gleicher Weise?" Dies hätte als Konsequenz eine "programmatische Insolvenz" und Unschärfe. Unser Ideen- und Aufgabenprofil müsse konkret sein, geschärft werden. Nach innen in den Verband hinein und nach außen müsse klar und deutlich sein, was Kolping ist! Ein geschärftes Profil sei Voraussetzung dafür, öffentlich gesehen und gehört zu werden in Kirche und Gesellschaft. Gerade die kirchliche Presseorgane und Informationsdienste veröffentlichten oftmals Resolutionen und Aktionen des Verbandes nicht, bemerkte der Bundestagsabgeordnete kritisch. Dies verlange als weitere Konsequenz: Modernisierung der gesamten Öffentlichkeitsarbeit, der verbandlichen Presseorgane, der Internetauftritte auf allen Ebenen (verbunden mit einem Dienstleistungs- und Servicebereich), die Schulung der für die Medienarbeit Verantwortlichen sowie die Personalisierung verbandlicher Positionen und Aussagen - nur Stellungnahmen, die mit Personen verbunden sind, würden wahrgenommen.

Die Herausforderungen der gegenwärtigen Zeit offensiv annehmen und Antworten suchen, sei eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Zukunft des Kolpingwerkes. Die katholischen Verbände müßten philosophisch-ethische Gegenentwürfe, etwa zur kapitalistischen Wirtschaftsentwicklung im Globalisierungsprozeß, entwickeln und in den demokratisch-politischen Diskurs - hier und weltweit - einbringen. Dörflinger verwies als Beispiel auf das neue Positionspapier des Bundesfachausschusses "Gesellschaft im Wandel" mit dem Titel "Arbeit neu verstehen".

Eine Quelle der Inspiration zur Bewältigung aller Anforderungen an das Kolpingwerk sei seine Internationalität: Auf allen Kontinenten sei Kolping vertreten und wachse in geradezu atemberaubenden Maße. Es sei eine anerkannte und angesehene Nichtregierungsorganisation (NGO). Mit der Projektarbeit könne ein fruchtbarer Dialog mit den Menschen in anderen Ländern geführt werden. Der Dialog könne ein Brücke schlagen zwischen den Menschen unterschiedlicher Kulturen, den Lebensverhältnissen hier und dort. Dies müsse so konkret wie möglich geschehen. Durch Begegnung und Austausch könne man Verständnishorizonte schaffen, die gegenseitig menschlichen und geistigen Fortschritt ermöglichten und den Blick auch auf die eigene Lebenswirklichkeit hier in Deutschland veränderten.

Diözesanpräses König faßte die wesentlichen Gedanken des Referates zusammen und dankte dem Bundesvorsitzenden für sein Mut machendes Wort und die Ideen für ein modernes Kolpingwerk. Vorsitzender Schäfer dankte der Kolpingsfamilie Bockenheim für die ausgezeichnete Organisation, der Kolpingkapelle Ramsen für die musikalische Gestaltung von Prozes-
sion, Gottesdienst und Kundgebung.