Geschwisterlichkeit in unserer Kirche
Gedanken zum 75jährigen Jubiläum der Kolpingsfamilie Dahn am 22. Oktober 2005
von 
Dr. Christoph Braß, Homburg
Vorsitzender des Katholikenrates der Diözese Speyer
Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK)

 

Zum 75. Jahrestag der Gründung der Kolpingfamilie St. Laurentius in Dahn überbringe ich Ihnen im Namen des Katholikenrates und auch persönlich die besten Wünsche.

Jubiläumsfeiern bieten eine Gelegenheit zum Rückblick auf das Vergangene, zum Ausblick in die Zukunft und zur Bestimmung des eigenen Standortes. Darüber hinaus – auch das darf man nicht vergessen – sind sie auch ein Akt der Zustimmung zum Dasein. Wer feiert, ist dankbar. Wer feiert, hat noch Pläne für die Zukunft.

Lassen Sie mich das Zeitgemälde der 1930er Jahre, das Pfarrer König vorhin in seiner Predigt entworfen hat, um einen weiteren Aspekt ergänzen. Die Gründung der Dahner Kolpingfamilie vor 75 Jahren fällt nicht nur in eine Phase des religiösen Aufbruchs, sondern auch in eine Zeit mit großen sozialen, gesellschaftlichen und politischen Problemen. Der Erste Weltkrieg war zwölf Jahre vorbei. Gerade in unserer Region waren die Wunden des Krieges zu diesem Zeitpunkt noch frisch. Das Land stand unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise. Es herrschten eine hohe Arbeitslosigkeit und ein großes soziales Elend, das nicht nur die großen Städte betraf, sondern auch vor dem ländlichen Raum nicht halt machte. Auf politischer Ebene bildete diese schwierige wirtschaftliche und soziale Situation den Nährboden für einen zunehmenden Extremismus von Rechts wie von Links: Bei den Reichstagswahlen am 14. September 1930 erhöhte die NSDAP ihren Stimmenanteil von 2,6 auf über 18 Prozent. Und auch auf politischen Linken war eine deutliche Radikalisierung spürbar: Die Kommunisten legten von 10,6 auf über 13 Prozent zu.

Bei aller Verschiedenheit ihrer Ziele hatten diese beiden extremistischen Parteien doch eines gemeinsam: Sie lehnten die parlamentarische Ordnung mit aller Entschiedenheit ab. Die Nazis strebten eine Rassenherrschaft an; die Kommunisten eine Klassenherrschaft. Beide leugneten sie den Wert und die Würde des einzelnen Menschen und setzten stattdessen allein auf den Staat und das Kollektiv.

Das waren die politischen Rahmenbedingungen als sich hier in Dahn Anfang der 30er Jahre der Jünglings- und der Arbeiterverein zu einer Kolpingfamilie zusammenschlossen. Ich finde es bemerkenswert, daß sich in einer Zeit, in der das Unheil schon fast mit Händen zu greifen war, hier in Dahn mutige Männer zusammenfanden und für ein Menschenbild und ein Gesellschaftsmodell eintraten, das in entschiedenem Widerspruch zu den Strömungen dieser Zeit stand:

Auch wenn das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg furchtbare Rückschläge auf diesem Weg waren, hat die Zeit den Gründern Ihrer Kolpingfamilie hier in Dahn letztendlich doch recht gegeben:

Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der der Wert und die Würde des Individuums weitgehend anerkannt sind. Wir leben in einer Gesellschaft, in der – bei allen Schwierigkeiten in der Praxis – soziale Mindeststandards gelten und in der jeder einen Zugang zu Wissen, Bildung und sozialem Aufstieg hat.

Dies alles ist keine Selbstverständlichkeit. Sondern es ist nicht zuletzt auch das Verdienst einer Generation von Menschen, die sich auch während des Dritten Reiches ihre christlichen Werte bewahrt haben. Die Gründer der Dahner Kolpingfamilie gehören zu dieser Generation. Auch dafür sollten wir an einem Tag wie heute dankbar sein. Und vielleicht sollten wir uns ab und zu einmal fragen, was diese Menschen wohl sagen würden, wenn sie unsere heutige Gesellschaft sehen würden.

Geschwisterlichkeit in unserer Kirche

Die weltweite Kolpinggemeinschaft nennt sich "Kolpingfamilie". "Familie", das hat etwas mit Heimat zu tun. Familie heißt, daß es da Menschen gibt, die unterschiedliche Rollen wahrnehmen und dennoch zusammenhalten. Die Familie ist eine Lebens- und Lerngemeinschaft. Sie ist ein sozialer Erfahrungsraum; ein Ort, an dem Solidarität und Rücksichtnahme eingeübt werden. Wir alle wissen, daß die Realität in unseren Familien nicht immer so ideal ist, wie wir sie uns vielleicht wünschen. Dennoch: Der Begriff "Kolpingfamilie" zeigt, daß diese Gemeinschaft mehr ist als ein bloßes Interessenbündnis, daß sie auch einen Konflikt aushalten kann und daß sie ein übergeordnetes Ziel verfolgt, nämlich die Befähigung ihrer Mitglieder, sich als Christen in der Welt zu bewähren und an der Erneuerung und Humanisierung unserer Gesellschaft mitzuwirken.

Kennzeichnend für eine Familie sind drei Beziehungsachsen: Zunächst einmal ist da die Beziehung zwischen Frau und Mann, die die Grundvoraussetzung für alle weiteren familiären Bindungen bildet. Dann die Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Und schließlich gibt es als dritte Achse den Zusammenhalt zwischen den Kindern einer Familie. Diese dritte Beziehungsebene ist die Geschwisterlichkeit – oder wie man früher, in der Zeit vor dem "großen I" gesagt hätte: die Brüderlichkeit.

Die Geschwisterlichkeit ist eine merkwürdige Tugend: Anders als die Liebe sucht sie sich ihren Gegenstand nicht selbst aus. Die Grundlage der Geschwisterlichkeit bildet nicht die Wahl, sondern die Gemeinschaft, in die man hineingestellt ist. Geschwister haben gemeinsame Eltern, einen gemeinsamen Ursprung. Sie wachsen in der gleichen Lebenssituation auf; teilen das gleiche Schicksal und die gleichen materiellen Güter. Geschwister leben solidarisch. Sie herrschen nicht übereinander, sondern teilen miteinander.

Der Begriff "Geschwisterlichkeit" hat viele Facetten: Wer von Geschwisterlichkeit spricht, denkt an Treue und Solidarität, an Eintracht und Zusammenhalt, an Gleichheit, an das Miteinander-Teilen. Zur Geschwisterlichkeit gehört auch die Vorstellung, daß die Kleinen und Schwachen zusammenhalten und sich von den Starken nicht auseinanderdividieren lassen. All das schwingt mit, wenn wir von Geschwisterlichkeit sprechen.

Kein Wunder, daß das Wort "Geschwisterlichkeit" und sein Vorgänger, die Brüderlichkeit, schon früh auch eine politische Karriere gemacht haben. So schrieb die Französische Revolution sich nicht nur Freiheit und Gleichheit auf die Fahnen, sondern auch das versöhnende Element der "fraternité", der Brüderlichkeit.

Es mag sein, daß die Geschwisterlichkeit aufgrund dieses revolutionären Verwendungszusammenhangs für manche von uns einen etwas – nun ja – "linkslastigen" Beigeschmack bekommen hat. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Geschwisterlichkeit eine zentrale Kategorie des Evangeliums ist.

Mir persönlich fallen beim Stichwort "Geschwisterlichkeit" vor allem drei Stellen aus der Bibel ein:

Die erste dieser Szenen hatten wir vorhin beim Festgottesdienst in der Kirche an der Chorwand vor Augen: Maria und Johannes unter dem Kreuz. Im Johannesevangelium heißt es dazu: "Als Jesus die Mutter und den Jünger, der er liebte, dastehen sah, sagte er zu seiner Mutter: ‚Frau, da ist dein Sohn.’ Dann sagte er zu dem Jünger: ‚Da ist deine Mutter.’" Indem Jesus seine Mutter gleichsam mit Johannes teilt, macht er ihn im wörtlichen Sinne zu seinem Bruder.

Dann die Erzählung über die Emmausjünger: Zwei Menschen gehen gemeinsam einen schweren Weg. Sie sind traurig und enttäuscht. Da gesellt sich ein Dritter zu ihnen, teilt ihren Weg und gibt ihm eine neue Wendung. Mit den Worten von Lukas: "Da wurden ihnen die Augen aufgetan und sie erkannten ihn."

Und schließlich das Evangelium von Pfingsten: Die Jünger haben sich gemeinsam in einem Haus versammelt als der Geist Gottes über sie kommt. Und dieser Geist hebt alle Grenzen der Sprache, Abstammung, Volkszugehörigkeit und sozialen Schichtung auf.

Wir alle wissen: Vieles von dem, was wir in der Bibel als Geschwisterlichkeit erleben, ist im Lauf der Kirchengeschichte verschüttet worden und verloren gegangen. Dahinter muss nicht unbedingt böse Absicht stecken: Eine Kirche, die als Institution in der Welt überleben will, muß sich notgedrungen auch manche Instrumente dieser Welt zu eigen machen. Auch in der Kirche wurde über lange Zeit vor allem die Beziehung in der Vertikalen gepflegt. Oben und unten; Macht und Ohnmacht; Hirt und Herde; der Vater und seine (unmündigen) Kinder. Das sind die Bilder, wie auch wir sie noch kennen und wie sie unser Kirchenrecht und unser Kirchenbild bis heute prägen.

Erst das Zweite Vaticanum hat vor 40 Jahren dem Element der Geschwisterlichkeit wieder deutlicher eine eigene Würde und einen eigenen Wert zugesprochen, indem es die Kirche als "wanderndes Gottesvolk" beschrieben hat.

Wer heute von "Geschwisterlichkeit in unserer Kirche" spricht oder diese anmahnt, hat ein bestimmtes Kirchenbild vor Augen.

Geschwisterlichkeit heißt nicht "Demokratie um jeden Preis". Geschwisterlichkeit in der Kirche bedeutet nicht, daß über Glaubenswahrheiten abgestimmt werden soll. Wer für eine Geschwisterliche Kirche eintritt, leugnet nicht die Notwendigkeit eines verbindlichen Lehramtes. Aber er verlangt, daß das hierarchische Verhältnis von Oben und Unten in eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern eingebettet ist, die vor Gott gleich sind.

Wir alle wissen, daß unsere Kirche in vielen Bereichen noch weit vom Bild einer solchen Geschwisterlichkeit entfernt ist.

Besonders deutlich zeigt sich dieses Defizit bei der Amtsfrage. Um nicht falsch verstanden zu werden: Mir geht es weder darum, die Autorität des Bischofs zu untergraben noch möchte ich die Notwendigkeit der Gemeindeleitung durch einen Priester in Frage stellen. Aber wäre es nicht besser für alle Beteiligten, wenn diese Leitung sich auf die Bereiche beschränken würde, für die es eine klare theologische Notwendigkeit gibt?

Es ist uns nicht am Berge Sinai gesagt worden, daß ein Pfarrer durch die Priesterweihe automatisch auch zum Experten für Bau und Finanzfragen wird. Warum stützten wir uns dann in der Kirchenverwaltung nicht stärker auf Laien, die aufgrund ihrer Ausbildung etwas von der Sache verstehen? Warum muss der Pfarrer im Verwaltungsrat das letzte Wort haben? Würde es nicht auch für ihn eine Entlastung bedeuten, wenn er sich auf die Aufgaben konzentrieren könnte, für die er geschult und geweiht ist?

Ein weiterer Bereich, auf dem ein Mangel an Geschwisterlichkeit in unserer Kirche schmerzhaft zu spüren ist, betrifft die Stellung der Frau in der Kirche. Lassen Sie uns dazu ein kleines Gedankenspiel machen: Stellen Sie sich eine große und traditionsreiche Institution vor, deren aktive Mitglieder überwiegend Männer sind. Die ehrenamtlichen Dienste in dieser Gruppe werden fast ausschließlich von Männern erbracht: Sie putzen und pflegen die Gebäude, sie betreuen die Kinder, sie kümmern sich um die Senioren und sie sorgen dafür, daß die junge Generation im Geist und nach den Regeln der Institution erzogen wird, damit auch die Kinder später in diese Gemeinschaft hineinwachsen. Fast alles, wofür diese Vereinigung in der Gesellschaft geschätzt wird, beruht letztlich auf der Arbeit von Männern. Und dennoch gibt es da ein ungeschriebenes Gesetz, wonach die obersten Leitungsämter in dieser Institution ausschließlich Frauen vorbehalten sind. Die Männer haben die Arbeit- und die Frauen das Amt.

Was glauben Sie wohl, werden junge, gut ausgebildete und selbstbewußte Männer in einer solchen Institution tun? – Richtig: Die einen werden sich zusammenschließen und gegen diese offenkundige Ungerechtigkeit aufbegehren. Andere werden wissenschaftliche Traktate gegen das Matriarchat verfassen. Sie werden zu Recht fragen, ob es tatsächlich im Sinn der "Gründerin" dieser Institution ist, daß Männer trotz gewandelter gesellschaftlicher Verhältnisse auch nach Jahrhunderten nur Menschen zweiter Klasse sind. Und dann wird es da noch eine dritte Gruppe von Männern geben, nämlich diejenigen, die irgendwann dieser Institution den Rücken kehren und resigniert zu Hause bleiben werden. Und diese Gruppe wird vermutlich die größte sein.

Genau das ist die Situation in unserer katholischen Kirche von heute – nur mit umgekehrten Vorzeichen: Bei uns sind es nicht die Männer, sondern die Frauen, die die große Mehrzahl der ehrenamtlichen Helfer und auch der hauptamtlichen Mitarbeiter stellen, die aber in der Kirchenleitung kaum eine Stimme haben. Stellen Sie sich einen katholischen Kindergarten, ein Krankenhaus, einen Pfarrgemeinderat, einen Besuchsdienst oder eine Erstkommuniongruppe ohne Frauen vor. Obwohl in unseren Gottesdiensten am Sonntag die Frauen bei weitem in der Mehrheit sind, obwohl das Gesicht unserer Kirche entschieden weiblich geprägt ist, obwohl ohne Frauen in unserer Kirche schon lange nichts mehr liefe, werden Frauen in der katholischen Kirche bis heute mit durchaus fragwürdigen Begründungen von höheren Führungs- und Leitungsaufgaben ausgeschlossen. Geschwisterlich ist das ganz sicher nicht.

Die Zeiten im Moment stehen nicht besonders gut für das Leitbild einer geschwisterlichen Kirche. Die leeren Kassen und die unbestreitbaren Sparzwänge führen dazu, daß allenthalben über den Rückzug der Kirche aus der Gesellschaft und über die Beschränkung auf angebliche "Kernaufgaben" diskutiert wird.

Bestimmte Gruppen plädieren für eine Kirche ohne Räte und Verbände, für eine kleine, schlagkräftige Truppe, die sich mutig dem Zeitgeist und seinen Irrungen entgegenstellt. In einem solchen Kirchenbild ist kein Platz für die Kategorie der Geschwisterlichkeit. Und mit Verlaub: In einer solchen Kirche wäre auch kein Platz für einen Verband wie Kolping, der sich als Brücke zwischen Kirche und Gesellschaft versteht.

Ich finde es deshalb mutig und richtig, daß sich die Kolpingfamilie Dahn für ihr Jubiläumsjahr das Motto "Geschwisterlichkeit in der Kirche" gewählt hat. Wir wissen, daß wir noch weit von diesem Ziel entfernt sind. Aber wir wissen auch, daß die Welt unser geschwisterliches Handeln, unsere Solidarität, unsere Weggemeinschaft und unser Miteinander-Teilen braucht.

Das Kreuz, das Symbol unseres Glaubens, besteht aus zwei Balken: einem horizontalen und einem vertikalen. Der senkrechte Balken verbindet Oben und Unten, Himmel und Erde. Der horizontale Querbalken greift zur Seite aus, verbindet uns mit unseren Mitmenschen. Aber nur in ihrer Beziehung zueinander ergeben diese beiden Balken ein Kreuz.

Unsere Kirche ist sicher mehr als nur gelebte Geschwisterlichkeit. Aber ohne Geschwisterlichkeit wäre sie nicht Kirche.