Rückblick und Ausblick - Das Kolpingwerk auf dem Weg vom 20. ins 21. Jahrhundert
Disposition des Referats von
Bundessekretär Dr. Michael Hanke
zur Diözesanversammlung des Kolpingwerkes Diözesanverband Speyer
am 8.5.2004 in Kaiserslautern
1. Situation
Zunächst stichwortartig einige Fakten:
Ergänzend nun einige (verallgemeinerte) Erfahrungen aus der alltäglichen Verbandsarbeit:
- Unsere Mitglieder beteiligen sich (immer) weniger an den Angeboten / Aktivitäten ihrer Kolpingsfamilien – ‚es kommen immer weniger’
- Unter unseren Mitgliedern finden wir immer weiniger, die bereit sind, in dieser oder jener Weise Verantwortung zu übernehmen, gerade auch in der Mitarbeit im Vorstand – ‚immer weniger arbeiten mit’
- Im Programm unserer Kolpingsfamilien nimmt die Geselligkeit zu, und dies zu Lasten unserer programmatischen Grundlagen und damit auch unseres Auftrages in dieser Welt – vom Gesellenverein zum Geselligkeitsverein
- Die tatsächliche Heterogenität unserer Mitglieder führt in die Versuchung, den kleinsten gemeinsamen Nenner für die eigenen Aktivitäten zu suchen, er dann natürlich nur in ‚konfliktfreien’ Bereichen liegen kann – bei Kolping muss es ‚harmonisch’ zugehen
Aktuelle Entwicklungen im Kolpingwerk können nicht losgelöst von gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen gesehen bzw. verstanden werden. Dazu auch nur einige stichwortartige Hinweise:
2. Perspektiven
Unsere Zeit ist in vielfacher Weise anders als die Kolpings. Und dennoch messen wir seiner ‚Idee‘ eine zeitlose Gültigkeit oder Aktualität zu, offenkundig bestätigt durch die gerade in den letzten Jahrzehnten erfolgte erfolgreiche weltweite Ausbreitung unseres Werkes. Was aber ist nun (und warum) an Idee und Wirken Kolpings von zeitloser Aktualität? Thesenhaft dazu auf einer ziemlich abstrakten Ebene folgende Hinweise, ausgehend auch von seinem Hinweis auf die ‚Nöte der Zeit’, die uns ja lehren sollen, was zu tun ist.
Zweifellos ist und bleibt es aktuell, Menschen (Christen) immer wieder auf ihre Bestimmung (im Sinne auch und gerade einer konkreten Herausforderung bzw. Aufgabe für die individuelle Lebensgestaltung) hinzuweisen. Vielleicht (wahrscheinlich sogar) ist dies heute nötiger als zu Kolpings Zeiten, wo doch ein zunehmender ‘Verzicht’ auf weltanschauliche Orientierung und Bindung festgestellt werden kann.
Konkrete gesellschaftliche (im weitesten Sinne verstanden) Gegebenheiten und Problemlagen sind in der Welt von heute außerordentlich vielschichtig und unterschiedlich. Sicher aber gibt es kein einziges Beispiel dafür, dass es irgendwo auf der Welt absolut ‚problemlos’ zuginge. Überall gibt es Menschen in Not; überall bedürfen Menschen der Hilfe und Zuwendung, der Solidarität und der Gerechtigkeit. Der Begriff ‚Not’ darf dabei nur nicht auf eine materielle Dimension reduziert werden. Auch Kolping selbst hat sehr wohl Dimensionen von sozialer und geistiger Not erkannt und in seiner Arbeit berücksichtigt, immer aber unter dem Aspekt der Hilfe zur Selbsthilfe.
Als zugleich Individuum und Sozialwesen ist und bleibt der Mensch auf die (gemeinschaftliche) Verbundenheit mit anderen angewiesen, ob er dies nun wahrhaben will oder nicht. Nach wie vor auch bedeutet das gemeinsame Tun zur Erreichung bestimmter Zwecke einen entscheidenden Vorteil gegenüber einem bloß individuellen Bemühen. Insofern bleibt auch das Konzept der Gemeinschaftsbildung aktuell, ist es vielleicht sogar noch aktueller geworden angesichts mannigfaltiger Entwicklungen in Richtung auf immer stärkere Individualisierung und Vereinzelung des Menschen.
Mit seinen Gedanken zur aktiven und unmittelbaren Weltverantwortung des Christen scheint Kolping geradezu von prophetischer Weitsicht, nachdem doch weithin eher eine eng verstandenes Bemühen um 'Rettung' der eigenen Seele im Vordergrund stand. Themen und Probleme wie Globalisierung, internationale Gerechtigkeit und Solidarität, Bewahrung der Schöpfung waren zu seiner Zeit (noch) nicht aktuell. Um so aktueller sind heute diese Gedanken!
Kolping hat mit seinem Wirken Grundelemente der erst viel später ausformulierten katholischen Soziallehre praktisch geprägt und gewissermaßen vorweggenommen. Im Kern geht es hier um die Überzeugung von bestimmten zentralen ‚Wahrheiten’ (vor allem die Prinzipien Personalität, Solidarität und Subsidiarität), die das Zusammenleben des Menschen in Gesellschaft bestimmen müssen (sollen), wenn gesellschaftliches Leben der Würde und Bestimmung des Menschen entsprechen soll. Wer könnte bestreiten, dass dieser Aspekt wiederum heute von eher noch größerer Bedeutung ist!?
Zusammenfassend können die Nöte der Zeit, und zwar aus heutiger Sicht für den west- bzw. mitteleuropäischen Kontext, in Kurzform so beschrieben werden:
Der zeitgenössische Mensch sucht und braucht Gemeinschaft, den Kreis Gleichgesinnter, wo er sich wohl fühlen kann, wo er sich angenommen und geborgen weiß. Er braucht und sucht Orientierung im Sinne von Antworten auf die Sinnfragen des Lebens, also im Blick auf Standortfindung und Perspektive, Handlungsimpulsen und -leitlinien. Er braucht und sucht schließlich Lebenshilfe im Sinne des Sich-Zurechtfinden-Könnens in einer immer komplizierter, unüberschaubar werdenden Welt. Unsere Zeit (Gesellschaft) braucht schließlich, um lebens - resp. überlebensfähig zu sein (zu bleiben), das Engagement (Mittun) vieler Einzelner, und dies getreu der Devise Kolpings, wonach die Welt nur besser werden kann, wenn jeder an seinem Platz das Beste tut.
3. Visionen
Die alles entscheidende Frage ist, wie wir im Kolpingwerk heute mit dieser Situation, diesen Aufgaben und Herausforderungen im Sinne Adolph Kolpings umgehen.
Die familienhafte Glaubens-, Bildungs- und Aktionsgemeinschaft des Kolpingwerkes – vor allem mit dem praktischen Tun in der Kolpingsfamilie – kann das Genannte durchaus ‚liefern‘ bzw. ‚leisten‘.
Tatsächlich ist dies ja auch vielfach gelebte Praxis, aber sicherlich nicht in hinreichendem Masse, nicht in dem Sinne, dass Kolping-Arbeit an allen Orten und zu jeder Stunde unter einem solchen Ansatz stehen würde bzw. so gesehen resp. erlebt werden könnte.
Dabei liegt eine ganz besondere Chance Kolpingscher Verbandsarbeit in der Nutzung tatsächlicher Vielfalt: Die homogene Zielgruppe der ledigen männlichen Handwerksgesellen ist längst Vergangenheit. An ihre Stelle ist eine weitestgehende Offenheit hinsichtlich der Mitgliedschaft getreten, wo Jung und Alt, Männer und Frauen aus allen Berufen und sozialen Schichten zusammenwirken. Zweifellos erschwert diese Vielfalt eine klare Profilierung unseres Werkes. Aber wie wäre es, sie nicht unter dieser Rücksicht zu beklagen, sondern bewusst als ganz wesentliche Chance zu begreifen und zu nutzen, die sonst kaum ein Verband hat? Wo hat der Einzelne denn die Gelegenheit, in echter familienhafter Gemeinschaft Menschen mit den unterschiedlichsten Lebenssituationen, Interessen und Bedürfnissen kennen zu lernen, mit ihnen in einen fruchtbaren Dialog zu treten und gemeinsam an aktuellen Aufgaben und Herausforderungen zu arbeiten?
Hier könnte sich tatsächliche Weggemeinschaft entwickeln und zeigen, die das Miteinander vieler auf einem gemeinsamen Weg mit einem klaren Ziel bedeutet, die aber durchaus eine große Bandbreite im ‚Absolvieren’ des Weges zulässt, also keine uniforme Marschkolonne sein will und sein darf.
Ein paar Gedanken zu diesem Begriff:
Weggemeinschaft - das bedeutet gemeinschaftliches Unterwegssein. Das ist sicherlich mehr als das bloß zufällige Nebeneinander vieler einzelner, die sich vielleicht in die gleiche Richtung bewegen. Menschen sind unterwegs, und zwar gemeinschaftlich. Gemeinsam läßt man sich also auf einen Weg ein - das bedeutet das freiwillige Zusammengehen, und zwar in eine bestimmte Richtung, auf ein vorher festgelegtes Ziel hin, auf das man sich verständigt hat, das akzeptiert ist. Wenn dieses Ziel einmal gesetzt ist, steht die Richtung fest, in die es losgeht. Wer in die Gegenrichtung will, muss sich anders orientieren.
Wer sich auf diesen gemeinsamen Weg einläßt, muss das Ziel kennen und bejahen, er soll ja kein bloßer Mitläufer sein! Ein gemeinsamer Weg auf ein vielleicht fernes Ziel hin kann anstrengend sein, da ist es wichtig, dass sich alle über Ziel und Richtung klar sind. Weggemeinschaft ist in diesem Sinne sicherlich mehr als eine stumpfe Marschkolonne, wo nur einer den Weg angibt und alle anderen blindlings folgen! Gemeinsam unterwegs sein - das erfordert keinen Gleichschritt, da kann es schnellere und langsamere Weggefährten geben, und schon stellt sich die Frage, wie mit unterschiedlichem Tempo umgegangen wird. Zählen die Schnellsten, und die Langsameren bleiben auf der Strecke? Oder orientiert man sich am Langsamsten, der alle anderen behindert? Die Lösung könnte in einem Mittelweg liegen, wo man sich gegenseitig hilft, ein ziemlich einheitliches Tempo einzuhalten und auch durchzuhalten. Das bedeutet aber, aufeinander einzugehen, jeden einzelnen in seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten ernst zu nehmen, ihn so anzunehmen, wie er ist, ihm gegebenenfalls Hilfestellung zu leisten, gelegentlich aber ihn vielleicht auch zu bremsen. Ziel und Richtung sind im Grundsatz definiert - damit ist aber noch lange nicht jeder einzelne Schritt vorgegeben. Weggemeinschaft verlangt und ermöglicht zugleich Kreativität und Vielfalt. Da kann es durchaus verschiedene Bemühungen geben, den besseren Weg zu finden. Da kann es auch Alternativen in der Bewältigung einzelner Strecken geben. Wichtig ist zweierlei, nämlich dass zum einen Verbindung untereinander gehalten wird, und dass zum anderen alternative Versuche auch akzeptiert und toleriert werden, dass also nicht jeder Schritt abseits von einem tatsächlich oder vermeintlich vorgegebenen Pfad sofort als Verirrung verstanden und abgelehnt wird! Gemeinsam unterwegs sein auf ein vielleicht fernes Ziel hin - da kann Unsicherheit auftreten, da können sich Hindernisse in den Weg stellen, da kann man sich auch verirren. Wichtig ist hier das Durchhaltevermögen, dass nicht gleich die Flinte ins Korn geworfen wird, wenn das Ziel einmal aus den Augen gerät. Wichtig ist zudem, dass alle Kräfte mobilisiert werden, um gemeinsam Hindernisse zu überwinden, und dass es gelingt, die Verirrten wieder aufzufangen und Erkennungszeichen zu setzen, die ein Zurückfinden ermöglichen.
Weggemeinschaft ist, wie schon gesagt, keine uniforme Marschkolonne. Sie bedeutet auch Offenheit, und zwar im doppelten Sinne: Es muss möglich sein, unterwegs auszusteigen, wenn einer nicht mehr weitergehen kann oder will. Es muss aber auch möglich sein, unterwegs dazuzustoßen, ohne von Anfang an dabeigewesen sein zu müssen. Neue Weggefährten können durchaus eine Bereicherung sein, indem sie zusätzliche Fähigkeiten einbringen. Ebenso kann es hilfreich sein, sich von Weggefährten zu trennen, die partout den eingeschlagenen Weg nicht mehr mitgehen können oder wollen. Weggemeinschaft versteckt sich nicht. Menschen verfolgen offen ihren Weg, ihr Ziel. Sie lassen andere nicht im unklaren darüber, wohin sie wollen und warum sie ihr Ziel erreichen wollen. Sie zeigen sich, bekennen sich, verstecken sich also nicht. Diese offene eigene Präsentation kann ja einladend Wirken, jemanden zum Mitgehen anspornen.
Gemeinsam unterwegs sein - da bleibt es nicht aus, dass es Ermüdungserscheinungen gibt. Da bleibt es auch nicht aus, dass nach Wegweisern Ausschau gehalten wird. Hier sind Beispiele gefragt, also Menschen, die immer wieder ermuntern und mitreißen können, die vorangehen, die wegweisend sind, die in der Zielrichtung nicht unsicher werden, auch wenn das Ziel vielleicht verborgen oder nicht sofort sichtbar ist. Nicht die blind folgende Herde ist gefragt, aber auch im freiwilligen Miteinander bedarf es des Schrittmachers, der durch sein Vorbild anspornt und Mut macht.
Wenn es nun gelänge,
wäre das Kolpingwerk vermutlich aller Zukunftssorgen ledig, denn dann könnte es eine sehr überzeugende Antwort auf die - zu allen Zeiten und durchaus nicht unberechtigt gestellte - Frage geben, was jemand eigentlich ‚davon hat‘ (oder haben kann), im Verband mitzutun!
Aber: So ein neuer Ansatz ist weder ‚einfach’ noch ‚umsonst’! Es bedarf vielfältiger Bemühungen aller Verantwortlichen, um tatsächlich voranzukommen, wobei es garantiert keine ‚Patentrezepte’ gibt, die man mal eben von ‚oben’ abrufen kann, sondern wo jede Kolpingsfamilie ihren je eigenen Weg suchen und finden muss!
Dazu abschließend einige Hinweise auf relevante Notwendigkeiten / Erfordernisse:
4. Schlusswort
Diesen Mut, der in Überzeugung gründet, müssen wir uns gemeinsam wünschen, auf ihn hin müssen wer auf allen Ebenen der Verbandsarbeit unsere Kräfte konzentrieren.
Weggemeinschaft im Glauben und Handeln, in Bildung und Aktion - dieser Gedanke des Leitbildes enthält zuerst und vor allem eine dynamische Perspektive: Handeln ist gefragt, Aktion, Wirken, nicht bloßes Schauen und Betrachten, nicht nur Debattieren oder gar nur Klagen. Gerade das hat ja das Werk Adolph Kolpings zu allen Zeiten ausgezeichnet, dieses mutige und tatkräftige Zupacken, die praktische Solidarität mit Menschen in Not, die Ernstnahme der Fragen und Nöte der Zeit. Aber mit dem Handeln allein ist es nicht getan, es geht nicht um bloßen Aktionismus, sondern um bewußtes, reflektiertes Handeln. Einheit von Theorie und Praxis ist ein Stichwort, Idee und Tat ein anderes. Was hier gemeint ist, ist ein Doppeltes: Zum einen das klare eigene Fundament, konkret unser christlicher Glaube, der Maßstäbe und Handlungsimpulse liefert, zum anderen die nüchterne und kritische Auseinandersetzung mit der erlebten Wirklichkeit, von wo aus dann - unter dem Aspekt des weltanschaulichen Fundamentes - konkrete Aufgaben formuliert werden.
Adolph Kolping hat uns dazu manches zu sagen, und insofern sollen einige seiner zentralen Aussagen hier am Ende stehen:
Tun wir nach besten Kräften das Beste, und Gott wird das Gute nie ohne Segen lassen.
(RV 1857, S. 725)
Nichts lehrt eindringlicher, nichts wirkt nachhaltiger als das tägliche Beispiel.
(KS 4, S.386)
Köln, 6.5.2004
Michael Hanke