"Nicht Hoheit über den Kinderbetten! Familien brauchen Luft zum Leben"
4. Bezirkstag des Kolpingwerkes Kaiserslautern-Landstuhl mit Dr. Christoph Böhr MdL
Kaiserslautern.- "Eine gute Familienpolitik ist die vernünftigste, sozialste und gerechteste Politik, die es gibt. Sie setzt an der Lebenswirklichkeit der Familien an, achtet die Gleichbererechtigung der Geschlechter und fördert die Chancengleichheit von Kindern", stellte Dr. Christoph Böhr, stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU Deutschlands und Landesvorsitzender der CDU Rheinland-Pfalz, beim 4. Bezirkstag des Kolpingwerkes Bezirksverband Kaiserslautern-Landstuhl fest. Vor fast 200 Teilnehmern hielt der Christdemokrat im Kolpinghaus Kaiserslautern ein leidenschaftliches Plädoyer für eine zukunftsorientierte Familienpolitik.
Bezirksvorsitzender Thomas Bettinger zitierte in seiner Begrüßung ein Wort Adolph Kolpings: "Das Schicksal der Familie ist über kurz oder lang das Schicksal des Landes". Die Menschen in Deutschland spürten heute, vielleicht mehr denn je, wie sehr das Schicksal unserer Gesellschaft mit dem Schicksal der Familien verbunden ist. Das Kolpingwerk verstehe sich als Anwalt der Familie: "Für uns muß die Familie Maßstab der politischen Entscheidungen werden", forderte Bettinger.
Der Bezirkstag wurde eröffnet mit einem Gottesdienst, den Diözesanpräses Pfarrer Andreas König, Hochspeyer, leitete. König brachte seine Freude zum Ausdruck, daß so viele Kolpingmitglieder zusammengekommen sind, um sich durch Jesus Christus in seinem Geist mit Gott und untereinander zur Gemeinschaft im Glauben, der Kirche, zu verbinden. Herzlich begrüßte er als Gäste neben dem Referenten des Tages seinen Vorgänger im Amt, Diözesanehrenpräses Domkapitular Prälat Gerhard Fischer, Speyer, den Abgeordneten des Europäischen Parlamentes Kurt Lechner, Kaiserslautern, den Abgeordneten des Deutschen Bundestages Ralf Göbel, Landau, sowie den Oberbürgermeister der Stadt Kaiserslautern, Bernhard Deubig.

Von links nach rechts: Diözesanpräses Pfr.
Andreas König, Dr. Christoph Böhr,
Oberbürgermeister Bernhard Deubig und Ralf Göbel MdP, Landau.

Von links nach rechts: Bezirkspräses Br.
Thomas Freidel OFMConv, Kurt Lechner MdEP,
Diözesanehrenpräses Prälat Gerhard Fischer und Bezirksvorsitzender Thomas
Bettinger.
"Gott hat Großes mit uns vor!"
In seiner am Tagesevangelium von der Versuchung Jesu ausgerichteten Predigt führte Bezirkspräses Br. Thomas Freidel OFMConv, Kaiserslautern, u.a. aus: Im Gespräch zwischen Jesus und dem Versucher werde uns Klarheit gegeben über das, was Gott mit uns Menschen vor hat. Das Bild Gottes von uns Menschen sei nicht der unfreie, geknechtete, fremdbestimmte Mensch, der sich mit einer vordergründigen Bequemlichkeit und Absicherung seiner Lebensverhältnisse begnügt und an den entscheidenden Punkten einer anderen, fremden Macht die Herrschaft überläßt. "Nein, Gott hat Großes mit uns vor!" Sein Menschenbild sei das Bild des freien, aus Liebe Erschaffenen, der sich in Freiheit für Gottes Liebesangebot entscheidet, der aufrecht seinen Weg geht, der sich nicht mit vordergründiger Sicherheit zufrieden gibt, der im Maßstab der Liebe zu Gott und den Menschen lebt. Dieser Weg sei oft ein schwerer und mühsamer, aber er sei am Ende fruchtbar, weil nur im Maßstab der Liebe der Mensch in seiner von Gott geschenkten Würde wirklich befreit leben und dieses Leben weiter geben kann. In der Lebensform der Familie sei der Raum, in dem Leben weiter gegeben und gehütet wird, dort werde etwas erfahrbar von der Liebe in Freiheit, die Gott uns geschenkt hat. Gott habe Großes mit uns vor, wenn wir bewußt Ja sagen zu diesem Weg mit ihm. Dieser Weg führe oft auch durch die Wüste, dem Ort der scheinbaren Gottesferne. Aber gerade dort, in der Wüste unseres Lebensalltags, zeige sich Gott immer wieder als die Kraft, die Leben zum Wachsen und Blühen bringt. Gott habe Großes mit uns vor, auch und gerade in den Wüstenerfahrungen unseres Lebens. Deshalb, so schloß Br. Thomas, "Laßt uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern weil Gott es mit uns lebt (P. Alfred Delp SJ)".

In einem eigenen Wortgottesdienst formulierten
die Kinder Fürbitten für Menschen in Not.
Auf dem Altar entzünden sie Kerzen als "Licht für die Menschen".
Die Kollekte erbrachte den Betrag von Euro 506,75. Diese Summe wird Fa. Johannes Bosco zum Aufbau von Kolpingsfamilien in Ruanda zur Verfügung gestellt.
Familie ist Lernort und Garant einer freiheitlichen Gesellschaft
Dr. Böhr ging von einer These aus: "Für eine freiheitliche Gesellschaft ist die Familie Voraussetzung und Garant ihrer Existenz". Hier allein erführen Menschen den Spannungsbogen zwischen Selbstbestimmung und Solidarität, zwischen individueller Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und Rücksichtnahme auf die Ansprüche der Gemeinschaft. Als Einzel- und Sozialwesen könne der Mensch seine individuelle Persönlichkeit nur in Zusammenhang und Austausch mit der Gemeinschaft anderer Menschen entwickeln. Dieser Spannungsbogen zwischen Freiheit und Gesellschaft, zwischen Personalität und Solidarität, sei auch grundlegend für eine freiheitliche Gesellschaft. Die Familie sei der originäre Lernort, wo Menschen das freie Selbstsein im Miteinander der Gemeinschaft lernten. "Die Familie ist Symbol einer freien und solidarischen Gesellschaft schlechthin", sagte der Referent. Die Familie zu schützen und zu fördern, sei deshalb geradezu Überlebensbedingung jeder freiheitlich verfaßten Staatsordnung. Die Väter des Grundgesetzes hätten dies - parteiübergreifend - klar vor dem Hintergrund der Erfahrungen der NS-Diktatur erkannt und deshalb die Familie dem besonderen Schutz und der privilegierten Förderung des Staates überantwortet. Die Erfahrung der Geschichte zeige, daß Diktaturen zuerst die Kinder dem Einfluß der Familie entziehen und die Familien deshalb zerstören wollen. Solches Denken gebe es immer noch in der Demokratie: Der Ruf nach der Hoheit über die Kinderbetten zeige den virulent in unserer Demokratie vorhandenen und aktiven totalitären Anspruch einer untergegangenen menschenverachtenden Ideologie.

Dr. Christoph Böhr bei seinem fast einstündigen Grundsatzreferat.
Durch Solidarausgleich Generationenvertrag sichern
Durch das Zusammenleben der Generationen in der Familie und die dort gelebte und erlernte Solidarität werde die Grundlage für das solidarische Netzwerk in der Gesellschaft gelegt. Dieses sei durch die demographische Entwicklung bedroht. "Die Menschen sind das Kapital für Existenz und Zukunft unserer Gesellschaft", betonte Böhr. Aber immer weniger Kinder würden geboren, damit die Zukunft nicht nur unserer Sozialversicherungssysteme ernsthaft bedroht. Böhr erinnerte in diesem Zusammenhang an die erschreckend hohe Zahl von 130.000 Abtreibungen pro Jahr. Immer weniger Kinder bedeuteten einen besorgniserregenden Verlust an Innovationskräften. Die jungen Menschen seien Träger des Erneuerungspotentials der Gesellschaft in allen Bereichen, in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Sie entwickelten neue Ideen und Kräfte zur Gestaltung von Gegenwart und Zukunft. Eine Gesellschaft, die immer älter werde, immer weniger junge aktive Menschen besitze, verliere ihre Zukunft. Und wer solle sich um die alten und pflegebedürftigen Menschen kümmern?
Demoskopische Untersuchungen zeigten, daß junge Menschen als Lebensideal Ehe und Familie haben. Böhr meinte, ein grundlegender Wertewechsel sei nicht erfolgt. Werte wie lebenslange Partnerschaft in Treue und mit Kindern seien unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen grundlegende Vorstellungen zur Gestaltung eines erfüllten Lebens. Viele realisierten diesen Wunsch aber nicht. Hier habe Politik die große Aufgabe, Rahmenbedingungen zu schaffen, daß junge Menschen diesen "Traum" auch verwirklichen können. Kinder seien aber zum Armutsrisiko geworden. Familien leisteten doppelten Beitrag zum Bestand des Generationenvertrags: Sie brächten die nächste Generation hervor, die Geist und Ideen zur Gestaltung der Gesellschaft entwickeln und Beitragszahler für die Sozialversicherungssysteme sind. Sie würden aber behandelt wie die, die keine Kinder haben. Nur wer in die Rentenkasse einzahle, erwerbe Ansprüche auf Altersversorgung. Ehepaare, die wegen ihrer Kinder auf ein Einkommen verzichten - meist sei es immer noch die Frau, die auf ihren Beruf verzichte -, verlören für ihre Altersversorgung wichtige Ansprüche. Dies dürfe so nicht bleiben. Es müsse ein Solidarausgleich geschaffen werden. Dieser dürfe nicht mehr aus den erwerbsarbeitfinanzierten Beiträgen für die Rentenversicherung erfolgen; die an Erwerbsarbeit gekoppelten Solidarsysteme funktionierten nicht mehr. Dieser Ausgleich müsse über die Steuern erfolgen. Dieser müsse so erfolgen, daß junge Ehepaare, die Kinder wollen, eine echte Wahlfreiheit haben, und zwar so, daß ein Ehepartner ganz oder doch zumindest halbtags für die Kinder da sein kann, und beide in der Altersversorgung nicht schlechter gestellt sind als Paare, die keine Kinder haben. Böhr bekannte sich zu dem Merz-Kirchof-Modell, das steuerlich Familien entlastet und Familien, die weniger Einkommen als ihre Entlastung haben, die Differenz von der Solidargemeinschaft Staat erstattet.
Erziehungspartnerschaft
Böhr sprach sich dafür aus, eine echte Erziehungspartnerschaft zwischen Gesellschaft und Familien zu verwirklichen. Dazu gehöre der gesamte Komplex vorschulischer, schulischer und außerschulischer Bildung; insbesondere forderte er Anstrengungen von Wirtschaft und Industrie ein, Ehepaaren mit Kindern zu helfen, ihren Erziehungsauftrag als Familien zu erfüllen. Betreuungsmöglichkeiten müßten verbessert, Ganztagsschulangebote ausgebaut werden, damit Eheleute die Wahlfreiheit haben zu entscheiden, ob ein Elternteil in der Familienphase ganz für die Kinder da sein kann. Böhr sprach sich auch, auf dem Hintergrund neuester wissenschaftlicher pädagogischer Erkenntnisse, für die Einrichtung einer "Vorschule" ab fünf Jahren aus. Er endete seine Ausführungen mit dem Wort, daß allein die Familie eine umfassende menschlich-personale Bildung vermitteln kann; diese zu ermöglichen, sei Aufgabe der 82 Millionen Menschen umfassenden deutschen Republik, damit Freiheit und Solidarität im ersten gelungenen deutschen Freiheitsstaat und damit auch innerhalb der wachsenden Europäischen Union demokratischer Verfassungsstaaten eine Zukunft hat.
Simone Schäfer, Kolpingsfamilie Weilerbach, und die Gruppenleiterinnen der Kolpingjugendgemeinschaften Erfenbach und Landstuhl gestalteten einen Kinderwortgottesdienst unter dem Thema "Ein Licht für die Menschen" sowie ein eigenes Kinderprogramm. Die Kolpingkapelle Kindsbach unter Bernd Jörg besorgte den musikalisch anspruchsvollen Rahmen des Bezirkstages. Mit dem Kolpinglied und einem gemeinsamen Mittagessen endete der Bezirkstag.