Predigt von Br. Thomas Freidel OFMConv, Kaiserslautern, bei der Internationalen Maiandacht des Kolpingwerkes BV Kaiserslautern-Landstuhl in der Zisterzienser-Abteikirche zu Otterberg am Sonntag, 18. Mai 2003:

 

"Sei gegrüßt, Zelt Gottes!"

Das Marienlob des Franz von Assisi

 

Wir schreiben das Jahr 1210. Vor den Toren der Stadt Assisi steht eine kleine Kapelle. Ihr Name ist Santa Maria degli Angeli, zur Jungfrau Maria von den Engeln. In ein paar kleinen Hütten aus Stroh und Lehm rings um diese Kapelle lebt seit einiger Zeit eine Gruppe junger Männer. Ihr Anführer ist einer, den man oben in der Stadt für verrückt erklärt hat. Der reiche Kaufmannssohn, der auf seinen ganzen Besitz verzichtet, der sein Leben radikal umkrempelt, der enrnst machen will mit seinem Glauben. Eben gerade ist diese kleine Gruppe von Brüdern, wie sie sich nennen, aus Rom zurückgekehrt, wo ihnen der Papst, nach einigem Zögern, eine erste Bestätigung ihrer neuen Lebensweise in der Kirche gegeben hat.

Dieser Ort, diese kleine Marienkapelle vor den Toren der Stadt hat für Franziskus wohl eine besondere Bedeutung. Denn es verwundert schon, daß er, der sonst ganz arm, ohne Eigentum und jeglichen Besitz leben will, seinen Brüdern immer wieder einschärft, diesen Platz, diese Kapelle besonders heilig zu halten und sie nie zu verlassen:"Wenn man euch zur Vordertür hinauswirft, dann kommt von hinten wieder herein."

Bei dieser kleinen Marienkapelle hat auch folgendes Gebet seinen Ort, das Franziskus selbst verfaßt hat:

Sei gegrüßt Herrin, heilige Königin,

heilige Gottesmutter Maria,

die du bist Jungfrau, zur Kirche geworden

und erwählt vom heiligsten Vater im Himmel,

die er geweiht hat

mit seinem heiligsten, geliebten Sohn

und dem Heiligen Tröster-Geist;

in der war und ist alle Fülle der Gnade

und jegliches Gute.

Sei gegrüßt, du sein Palast.

Sei gegrüßt, du sein Zelt.

Seigegrüßt, du sein Haus.

Sei gegrüßt, du sein Gewand.

Sein gegrüßt, du seine Magd.

Sei gegrüßt, du seine Mutter.

Und seid gegrüßt, ihr heiligen Tugenden alle,

die durch die Gnade und Erleuchtung

des Heiligen Geistes

in die Herzen der Gläubigen eingegossen werden,

um aus Ungläubigen

Gott getreue Menschen zu machen.

Beziehung Maria-Christus

Wovon dieses Gebet im tiefsten Inneren spricht, ist eigentlich die Beziehung. Warum ist Maria für Franziskus wichtig? Weil sie in einer tiefen, persönlichen Beziehung zu Christus lebt. Sie ist bereit, sich von Gott erwählen zu lassen, sie ist Hörende, sie läßt sich ein auf das, was Gott mit ihr vor hat. Durch diese Bereitschaft, durch diese ihre Offenheit für das Wirken Gottes in ihrem Leben ist es überhaupt erst möglich, daß diese tiefe persönliche Beziehung zwischen Maria und Gott wachsen kann. So erkennt Franziskus bei Maria genau das alles, was er selber sucht, was er selber leben und verwirklichen will. Der Mensch, der wie Maria offen ist für den persönlichen, ganz eigenen Ruf Gottes, der an ihn ergeht. Franziskus will nichts anderes als selbst in diese innere persönliche Beziehung und Verbindung mit Gott hineintreten, so intensiv es nur möglich ist. In Maria findet er eine Anstifterin und Lehrmeisterin für diesen Weg in die unmittelbare Nähe, in die ganz persönliche Beziehung zu Gott, der in Jesus Christus uns schon so anschaulich und greifbar nah entgegen kommt.

Beziehung Maria-Kirche

Aber dieser Eintritt in die Nähe Gottes, in die Enge Beziehung mit Gott, angestiftet durch Maria, bleibt für Franziskus nicht stehen in einer abstrakten religiösen Schwärmerei, in einem dadurch vielleicht erzeugten inneren, persönlichen Wohlgefühl. Nein es wird ganz konkret, denn Franziskus erkennt in dieser Beziehung zwischen Maria und Christus das Wesen der Kirche. Deshalb betet er "die du bist Jungfrau, zur Kirche geworden" vergine fatta chiesa heißt es im Original, Jungfrau, zur Kirche gemacht.

Maria ist Tochter des Vaters, Mutter des Sohnes und Angetraute, Braut, Vertraute des Heiligen Geistes. Durch ihre Beziehung zu Gott, durch das Wirken seines Geistes, wofür sie ganz offen war, wird sie Mutter Gottes wird sie Haus, Wohnung, Zelt Gottes, in dieser Welt. Sei gegrüßt, Zelt Gottes, so betet Franziskus, Zelt für Gott hier mitten unter uns.

Für Franziskus wird Maria so gleichsam zur ersten, vom dreifaltigen Gott geweihten Kirche, die er geweiht hat mit seinem Sohn... Gott hat sie zur Mutter des Sohnes und zum Tabernakel des Heiligen Geistes gemacht. Franziskus ehrt Maria so im Hinblick auf ihre Verbindung mit Gott, sie ist für ihn Anstifterin und Lehrmeisterin darin. Und dadurch lernt Franziskus auch, das Wesen und den inneren Sinn der Kirche zu verstehen. So wie Maria in ihrer Person gleichsam die erste Kirche ist, weil sie Christus Raum gibt, ihn in diese Welt hineingebiert, in sichtbar macht in dieser Welt, auf diese Art zeigt Maria das auf was die Kirche eigentlich ist und sein soll: Leib Christi, Person Christi in dieser Welt. Und so soll alles, was in der Kirche und durch die Kirche geschieht immer nur den einen Sinn und das eine Ziel haben: Christus in dieser Welt darzustellen, ihn sichtbar und erfahrbar zu machen. Das ist das Wesen der Kirche und Franziskus erkennt es in Maria.

Persönliche Konkretisierung

Was Franziskus hier im Glauben erkennt, dieser tiefe innere Zusammenhang in der Verbindung zwischen Maria als Urbild der Kirche und Gott, der durch Maria Mensch wird, hat für sein Leben eine befreiende Konsequenz: Was an Maria geschehen ist, kann kraft des Heiligen Geistes auch an Franziskus, an seinen Brüdern, an jedem von uns geschehen: daß wir zu immer gläubigeren Menschen werden, die die Verbindung, die persönliche Beziehung zu Gott suchen, festhalten, pflegen, wachsen lassen, daß wir Gott die Treue halten. Und das kann mit jedem Menschen geschehen, auch mit denen, die das vielleicht jetzt noch nicht erfahren haben. Das Einwohnen der Fülle Gottes, seiner Liebe in Maria und der Kirche wiederholt sich in gewisser Weise immer wieder, wenn Menschen sich dem Geist Gottes und seinem Wirken öffnen, wenn sie , wie Maria zur Wohnung Gottes werden, Christus in dieser Welt Gestalt und Wirkmächtigkeit geben, selber Zelt und Wohnung Gottes in dieser Welt werden.

Was Franziskus hier bei Maria erfährt und von ihr lernt, das wirkt sich aus in seinem Leben, das gewinnt Gestalt in seinem Alltag, das prägt sein Lebenszeugnis, das bewirkt letztlich eine Erneuerung der Kirche, des Glaubens, der Liebe zu Gott und zueinander.

Wir alle sind eingeladen, uns wieder neu auszurichten und aussenden zu lassen, getragen und geführt von dieser ermutigenden und befreienden Botschaft: wir alle sind Zelt Gottes in dieser Welt, er selber wohnt in uns und will uns den rechten Weg führen.

Portiunkula, so lautet ein anderer Name für die kleine Marienkapelle vor den Toren der Stadt Assisi; übersetzt heißt das etwa "kleiner Teil". Franziskus, der ansonsten nichts besitzen wollte hatte sich diesen kleinen Teil als Heimatort in dieser Welt erwählt. Denn dort wurde für ihn dieses unsagbar große Geheimnis der Liebe erfahrbar: Durch Maria hat Gott in der Welt und auch in mir sein Zelt aufgeschlagen, er wohnt in mir und ich in ihm, daß ist Sinn und Urgrund meines Lebens, das will ich bezeugen, dafür will leben. Amen.