"Im Zentrum Jesus Christus!"

56. Diözesan-Wallfahrt des Kolpingwerkes nach Bockenheim - Generalpräses Axel Werner: Familie ist Existenzfrage unserer Gesellschaft

Bockenheim.- Seit 56 Jahren begeht das Kolpingwerk im Bistum Speyer seine Diözesanwallfahrt am Fest Peter und Paul in Bockenheim. Begründet nach dem II. Weltkrieg von Diözesanpräses Oskar Isidor Schlachter als gemeinsames Bekenntnis des Kolpingwerkes zu seinen spirituellen Grundlagen, als Ort der Glaubensvergewisserung und des Gebetes um den Frieden: "Im Zentrum und im Herzen der Kirche und des Kolpingwerkes steht eine Person: Jesus Christus!", sagte Diözesanpräses Pfarrer Andreas König (Hochspeyer) in seiner Predigt bei der diesjährigen Wallfahrt. Mehr als 400 Kolpingmitglieder mit über 40 Bannern waren gekommen, um in der eucharistischen Prozession durch die Weinberge und der anschließenden Meßfeier vor der Heiligenkapelle ihren Glauben vor- und miteinander zu bezeugen. Pfarrer Axel Werner (Köln), Generalpräses des Internationalen Kolpingwerkes und 8. Nachfolger Adolph Kolpings, der zum erstenmal seit seiner Wahl 2002 zu Gast in der Diözese Speyer war, trug die Monstranz.

Diözesanpräses König sagte u.a. in seiner Predigt, das Fest Peter und Paul gebe ein Thema vor: das Petrusamt als Garant der glaubensmäßigen Wahrheit und der Einheit der Weltkirche. Die Kirche sei noch nie so Weltkirche gewesen wie heute. Auch das Kolpingwerk sei zu einer weltweiten Gemeinschaft geworden. Seit 2002 gäbe es mehr Kolpingsfamilien in den Ländern Europas, Lateinamerikas, Asiens und Afrikas als in Deutschland selbst. Weltweite Kirche und weltweites Kolpingwerk sei das eine, die viel wichtigere Frage aber sei die Frage nach unseren Wurzeln, nach Wesen und Identität von Kirche und Verband. Hier könne es nur eine Antwort geben: Jesus Christus! Hier stünden wir mitten im Evangelium des Tages: "Für wen halten die Leute den Menschensohn?" Und die Jünger antworteten Jesus: "Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten." Die Menschen hätten durchaus keine schlechte Meinung von Jesus: ein guter Mensch, ein Prophet, ein Gesandter Gottes; Jesus sei für sie aber eben einer wie andere auch. Dem Anspruch Jesu würden diese Antworten nicht annähernd gerecht.

Die Frage Jesu könnten wir aber auch Menschen unserer Zeit stellen: "Was hältst du von Jesus, Glaube, Kirche, Religion?" Man könne heute ähnliche Antworten, wie sie Jesus erhalten hat, hören: Jesus - nicht schlecht, bin auch in der Kirche drin, gehe ab und an auch hin, wenn ich grade Zeit habe. Viele würden sich entschuldigen mit wichtigeren Dingen: Beruf, Familie, Hobbies. Das Hauptproblem unserer Zeit seien nicht die Menschen, die aus der Kirche austreten, nicht die Atheisten, sondern die lauen Christen: "Halbheit taugt nichts und rächt sich immer!", zitierte König den Gesellenvater Adolph Kolping.

Jesus frage die Jünger erwartungsvoll weiter: "Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" Und Petrus, der Sprecher der Apostel, gebe die große Antwort: "Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!" Die Antwort des "Felsens", auf den Jesus seine Kirche bauen wird, bekenne es klar: Jesus ist nicht einer von vielen, nicht irgendeiner, er ist der, den alle Propheten verkündet haben, der, den das gläubige Volk sehnsuchtsvoll erwartet hat; er ist der, für den es sich lohnt, alles andere aufzugeben, um ihm nachzufolgen wie die Apostel.

Wenn wir dieses Jesusverständnis hätten, dann gebe es nichts Besseres, als möglichst viel Kontakt mit Jesus, als den Weg, den er mir zeigt, mich führt. Dann lasse ich mich von anderen Dingen nicht von Jesus weg führen, sondern bemühe mich immer wieder neu um die Begegnung mit ihm.

Wenn Kirche und Glaube in unserer Zeit Zukunft haben sollen, so der Diözesanpräses, brauchten wir Menschen und Gemeinschaften wie das Kolpingwerk, für die Jesus Christus das Wichtigste ist, wichtiger als alles andere auf der Welt. Und die Menschen würden es nicht bereuen. Aufgabe der Kirche sei es, wie Petrus und Paulus Jesus zu den Menschen zu bringen, denn er allein könne uns Leben schenken, Leben in Fülle, Leben in Ewigkeit.

Die Kollekte, die der Aktion "Solidarität mit den Kolpingpräsides", die in Afrika, Asien und Lateinamerika meist selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen müssen, zugutekam, erbrachte einen Erlös von Euro 872,42. Der Kolping-Diözesanverband stockte diesen Betrag auf Euro 1.500,- auf.

Mit einem Tusch begrüßte die Kolpingkapelle Ramsen Diözesanpräses König in der Festhalle "Emichsburg". Diözesanvorsitzender Rolf Schäfer (Oggersheim) gratulierte dem Diözesanpräses im Namen des gesamten Kolpingwerkes zu seinem 38. Geburtstag. Es sei ein besonderes Zeichen, daß der Diözesanpräses am Fest Peter und Paul seinen Geburtstag feiere: "Für das Kolpingwerk ist dies weitere Motivation, sich bei seiner Wallfahrt ganz in die Mitte des Glaubens zu begeben und Orientierung für sein Handeln als Verband der Kirche in der Gesellschaft zu suchen!"

Generalpräses Werner führte u.a. aus: Hinter dem Grundanspruch der Kolpingsfamilie stehe das Evangelium: "Ihr sollt Licht, Salz und Sauerteig für die Welt sein!" Weltgestaltung aus dem Evangelium sei Auftrag des Kolpingwerkes. Das schließe einen politischen Auftrag ein. Wir lebten in einer ähnlichen Zeit wie Adolph Kolping, einer Zeit, die geprägt sei durch Werteverlust. Werner beklagte v.a. einen Werteverlust im Bereich der Achtung des Lebens, der Ehe und Familie und der Religion. Nie zuvor sei es so wichtig gewesen wie heute, KOLPING in der Gesellschaft zu positionieren wie heute. Unsere liberale, gegenüber Werten höchst indifferent eingestellte Gesellschaft benötige Organisationen wie KOLPING, die Werte vermitteln, Werte, die die Zukunft der Gesellschaft ermöglichen. KOLPING könne dies aber nur, wenn seine Gliederungen und Mitglieder "aus der Mitte des Verbandes heraus" lebten und agierten. Diese Mitte sei das Evangelium. Aber auch in unseren Kolpingsfamilien herrsche vielfach eine "Evangeliumsfremdheit"! Dies hindere den Verband, mit Kraft und Überzeugung in die Gesellschaft hinein zu wirken. Das Evangelium Jesu Christi müsse Zentrum und Lebensquell aller Kolpingarbeit sein, gerade in den Lebenszentren unseres Verbandes, den Kolpingsfamilien.

Generalpräses Werner ging offensiv das Thema seiner Festansprache an: "Ehe und Familie - ein Auslaufmodell?" Kein Thema in der Politik unserer Tage sei für das Überleben unserer Gesellschaft so bedeutsam wie dieses. "Wohin geht eine Gesellschaft ohne Kinder!", fragte der Generalpräses. Die demographische Entwicklung in unserem Land sei höchst besorgniserregend. Eine materiell reiche Gesellschaft wie die deutsche könne sich sehr wohl aus dem Ausland Menschen einkaufen, die alle sozialen Aufgaben leisten. Untersuchungen zeigten aber, daß durch gesteuerte Einwanderung letztlich nicht die Probleme einer überalternden Gesellschaft bewältigt werden können. Eine Gesellschaft, die keine Kinder mehr hat, verliere Vitalität, Kreativität und Zukunftsfähigkeit. Mitte des 21. Jahrhunderts werde es nur noch ca. 16% Kinder und Jugendliche in Deutschland geben - trotz weitreichender Einwanderung. Die Sozialsysteme - Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung, Arbeitslosenversicherung -, die auf dem Umlageprinzip funktionieren, Umlagen, die die erwerbsfähigen Menschen leisten, könnten so nicht mehr finanziert werden.

Der Generalpräses fragte: "Warum empört sich niemand über das Schicksal der Familien?" Alle Politiker beklagten das Los der Familien. "Wo aber sind die politischen Anstrengungen, die Familien zu stärken? Die Zukunft der Familien ist doch die Existenzfrage unserer Gesellschaft." Unsere Gesellschaft brauche junge Menschen, um zu überleben und alle Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen. Wir müßten durch politisch wirksame Entscheidungen, jungen Menschen Mut machen zu Kindern. "Junge Menschen wollen Kinder! Wir müssen aber auch die Rahmenbedingungen dafür setzen, daß sie Kinder kriegen wollen: Kinder dürfen kein Armutsrisiko sein!"

Generalpräses Werner forderte einen Politikwechsel. Er forderte von der Politik, endlich die "Ungerechtigkeitslücke" zwischen Familien und Singles zu schließen. Es könne auf die Dauer nicht hingenommen werden, daß die Familien den Lebensstandard der Menschen ohne Kinder subventionierten. Er wolle keineswegs Familien gegen die Erwachsenen ohne Kinder ausspielen. Es gehe nur darum, daß der Staat die Sozialsysteme so gestalte, daß jeder seinen eigenen Lebensentwurf und dessen Kosten bezahle!

Axel Werner führte weiter aus: Selbst wenn wir soziale Gerechtigkeit zwischen Familien und Erwachsenen ohne Kinder erreicht hätten, wäre die Zukunft unserer Gesellschaft noch nicht gesichert. "Wir hätten den Niedergang unserer Gesellschaft nur gerechter gestaltet!" Die Familien bedürften über die Schließung der Gerechtigkeitslücke hinaus weiterer Förderung, damit junge Menschen ihren Wunsch nach Kindern auch realisierten. Generalpräses Werner formulierte eine Solidaritätspflicht der Menschen heute für die Zukunft der Menschen nach uns. Dieser Solidaritätspflicht könne nicht allein durch Appelle, sondern v.a. durch politische, sozial gerechte Gesetzgebung Wirklichkeit verschafft werden.

Ein weiteres Argument für dringend notwendiges politisches Handeln führte der Generalpräses an: Allein in der Familie würden die für die Gesellschaft notwendigen Sozialtugenden Liebe, Vertrauen, Solidarität, Gemeinsinn vermittelt: Eine Zivilgesellschaft benötige Bürger, die Verantwortung tragen für das Ganze! Vor allem die Familie leiste hierfür die Erziehungsarbeit. Ein Staat, der Zukunft haben will, müsse deshalb gerade die Institution fördern, die Gemeinschaftssinn und solidarische Verantwortung lehre und fördere. Die Erziehungsarbeit der Familien müsse steuerlich, d.h. durch die gesamte Gesellschaft, finanziert werden. Werner brachte auch das Familien-Wahlrecht in die Diskussion.

Generalpräses Werner stellte der Politik in Deutschland ein schlechtes Zeugnis aus: "Politikwechsel setzt einen Erkenntniswandel voraus!" Diesen Erkenntniswandel sehe er derzeit bei keiner der politikbestimmenden Parteien. Er forderte das Kolpingwerk und seine Mitglieder auf, ihren politischen Einfluß auf allen Ebenen wirksam zu machen, damit dieser Erkenntnisprozeß auch in Berlin ankommt.

Diözesanpräses König dankte Generalpräses Werner für seine "Wegweisung" und Aufgabenstellung für das Kolpingwerk Diözesanverband Speyer. Er dankte der Kolpingsfamilie Bockenheim für die ausgezeichnete Organisation, der Kolpingkapelle Ramsen für die hervorragende musikalische Gestaltung, ohne die keine Diözesanwallfahrt in Bockenheim vorstellbar wäre. Mit dem Kolpinglied endete die Kundgebung.