Dank für drei Jahrzehnte geistlichen Dienstes - Prälat Gerhard Fischer scheidet aus dem Amt des Diözesanpräses

 

von Dipl.-Theol. Thomas Bettinger

  

  

32 Jahre war Gerhard Fischer Diözesanpräses. Kein Priester hat es so lange in der über 150jährigen Geschichte des Kolpingwerkes als Präses "ausgehalten". 32 Jahre - seine besten Lebens- und Priesterjahre - hat er in der Spur Adolph Kolpings mit allen seinen Fähigkeiten und Kräften der Kolpingidee gedient. Wir sind froh und dankbar, daß wir ihn mehr als drei Jahrzehnte als spirituellen und geistigen Führer unseres Verbandes gehabt haben. Wo stünden wir heute ohne Gerhard Fischer?  

 

Vom Konzil geprägt

  

Seine Priesterweihe fällt in das Jahr des zu Ende gehende II. Vatikanischen Konzils, des größten geistigen Ereignisses des 20. Jahrhunderts. Dieses Konzil bedeutete eine Revolution für die Kirche. Es hat die Kirche mehr verändert, als alle Bemühungen in Jahrhunderten zuvor. Vor allem brachte es eine verloren gegangene Freude am Glauben zurück, die uns Christen von heute wieder so oft fehlt. Diese Freude am Glauben hat auch Gerhard Fischer angesteckt und motiviert für seinen priesterlichen und seelsorgerlichen Dienst.

Was wollte das Konzil? „Aggiornamento“ hieß das Schlagwort: „Heutigwerden“, Heutigwerden mit den Menschen unserer Zeit, Zeitgenossenschaft mit den Menschen wagen, gemeinsam mit ihnen durch die Zeit unterwegs sein, solidarisch mit ihren Sorgen und Nöten und ihnen Wege des Heils, der Zukunft und Hoffnung aus dem Glauben weisen und mit ihnen gehen.

Die Kirche ist da, um den Menschen zu dienen, sie hat eine Botschaft, die Menschen frei macht zu einem gelingenden Leben. Gott will, daß der Mensch lebt. Er ist der Gott für Welt und Mensch. Er ist nicht der Gott, der die Menschen in Angst knechtet unter der Knute von Gesetz und Verbot, sie in einer Leistungsfrömmigkeit demütigt und ihnen die Freude am Leben erstickt. Wer sich an den Gott der Väter und des Jesus von Nazareth bindet, hat Zukunft und Hoffnung, der wird frei zu einem Leben, dessen Prinzip die Liebe ist. Und dieser Gott begegnet den Menschen wie ein Freund, er wird in Jesus Mensch und Bruder, er teilt mit ihnen alles, ihr Leben, ihre Freude, ihre Sorgen und Angst, Leid und Tod, um ihnen alles, was er hat zu geben - sein Leben, das den Tod durchbricht.

Gerhard Fischer ist geprägt von diesem Konzil. Die frohe Botschaft dieser Kirchenversammlung hat er zu seinem Programm gemacht. Als Christ und Priester wollte er auch im Kolpingwerk das „aggiornamento“ des Konzils realisieren.

  

Die Großtagungen

  

Wie Meilensteine auf einem weiten und steinigen Weg ragen die von Gerhard Fischer initiierten und konzipierten Großtage in den drei zurückliegenden Jahrzehnten hervor.

Ziel der Großtagungen mit ihren bis zu 1.500 Teilnehmern war es, in der Öffentlichkeit unüberhörbar den Anspruch des Kolpingwerkes zu manfestieren, als moderner katholischer Sozialverband, der die Zeichen der Zeit erkannt und ihre Herausforderungen angenommen hat, Gesellschaft und Kirche auf der Basis der Botschaft Jesu Christi und der Katholischen Soziallehre auf allen Ebenen, von der Kommune bis zur Bundespolitik, aber auch weltweit in der Gemeinschaft des Internationalen Kolpingwerkes mitzugestalten, als ein Verband, dessen Sorge das Menschsein des Menschen ist, der sich als Anwalt besonders der Armen und Bedrängten versteht, um auch ihnen menschenwürdige Existenz zu ermöglichen.

Den Mitgliedern, vor allem den Verantwortungs- und Mandatsträgern sollten diese Großtage Motivation und Mut für ihr eigenes Engagement als Multiplikatoren in Kolpingsfamilie und persönlichem Wirkungsbereich vermitteln, sie sollten darüberhinaus fundierte Kenntnisse und Argumente zur politischen Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit erhalten, damit christliches Gedankengut, vor allem das christliche Bild vom Menschen mit seinen ethischen und sozialpolitischen Konsequenzen, im Raum unserer pluralen und immer mehr liberalistisch-hedonistisch geprägten Gesellschaft nachhaltig präsent bleibt. Die Leitworte der Großtagungen kennzeichnen die großen Linien der gesellschaftlich-politischen und religiösen  Auseinandersetzungen während eines Vierteljahrhunderts in der Bundesrepublik: „Zukunft wagen - Gegenwart gestalten“ (1971), „Unsere Sorge der Mensch - unser Heil der Herr“ (1972), „Die Familie hat Zukunft“ (1976), „Baut mit uns ein neues Europa“ (1978), „Wenn ihr glaubt, werden wir gemeinsam die Welt erobern“ (1979), „In Liebe gebunden - frei für die Welt“ (1982), „Daß sie das Leben haben, es in Fülle haben“ (1986), „Christen verwandeln die Welt“ (1989), „Die demokratischen Grundwerte und die Antwort des Christen (1993).

Die Großtagungen hatten Appellfunktion: Sie forderten die Kolpingsfamilien und Bezirksverbände auf, nach ihrem Beispiel vor Ort sich mit den Fragen und Problemen unserer Zeit in ihrer Bildungsarbeit auseinanderzusetzen.

  

Die Arbeitseinsätze / Das Kolping-Hilfskorps

  

Ein Glaubenszeugnis und ein Zeichen lebendiger Solidarität von Christen aus Europa mit Christen in Afrika, das großzügige Unterstützung und hohe Anerkennung der Landesregierung fand, waren die vier Arbeitseinsätze der Kolpingjugend in Ruanda 1985, 1987, 1988 und 1990. 30 junge Männer leisteten in vierwöchigen Workcamps im Partnerland von Rheinland-Pfalz Hilfe zur Selbsthilfe. Sie bauten ein Jugendbegegnungszentrum auf und statteten Handwerkerausbildungszentren mit der notwendigen Infrastruktur - Elektrik, Gas- und Wasserinstallation - aus. Gerhard Fischer, damals Leiter des Katholischen Büros Mainz, hat diese Einsätze möglich gemacht. Er hat sie angeregt und verantwortet, die inhaltliche Vorbereitung mit den Einsatzgruppen geleitet und auch die Organisation selbst übernommen. Der nach wie vor unbegreifliche Genozid in Ruanda hat alle an den Einsätzen Mitwirkenden mit Trauer erfüllt. Die Zukunft Ruandas erscheint nach wie vor ungewiß. Die Hoffnung bleibt, daß unter stabilen politischen Verhältnisse erneut ähnliche Hilfe zur Selbsthilfe geleistet werden kann, wie in den Jahren bis 1990.

1998 und 1999 brachen erneut zwei Gruppen der Kolpingjugend zu einen Arbeitseinsatz in einem Land der sog. Dritten Welt auf. Das Einsatzgebiet war Brasilien, die Orte Manguariba, ein Stadtteil Rio de Janeiros, und Formiga im  ländlich geprägten Gebiet des Bundesstaates Minas Gerais. 13 junge Männer und Frauen haben gemeinsam mit brasilianischen Kolpingschwestern und -brüdern in Rio ein Kolpinghaus gebaut und in Formiga ein Sozial- und Begegnungszentrum mit der elektrischen und sanitären Infrastruktur versehen. Diese Einsätze sind ein Zeichen für die Völker und Meere überschreitende Freundschaft im Kolpingwerk, ein Zeichen der Solidarität, wie sie nur im Kolpingwerk gelebt werden kann: Wir unterstützen Eure Gemeinschaft, wir wollen, daß das gelingt, was ihr mit Eurer Kolpingsfamilie für die Zukunft der Menschen begonnen habt. In diesem Jahr wird eine dritte Gruppe aufbrechen und im Nordosten Brasiliens, in einem extremen Trockengebiet, Wasserzisternen bauen, die Menschen das Überleben in diesem Teil des südamerikanischen Subkontinents ermöglichen.

Mit der Gründung des Kolping-Hilfskorps im Rahmen der Togolesischen Bischofskonferenz in Kaiserslautern hat Gerhard Fischer 2001 noch einmal  Perspektiven für unseren Verband gesetzt, für ein neues Engagement des Kolpingwerkes Diöesanverband Speyer in Afrika: Mit dem Aufbau eines Kolping-Nationalverbandes in Togo und künftigen Arbeitseinsätzen der Kolpingjugend in diesem Land wird es zur Gründung weiterer Kolpingverbände in ganz Westafrika kommen. Der Erzbischof von Lomé und Präsident der Togolesischen Bischofskonferenz, Mgr. Philippe Kpodzro, hat dies so ausgedrückt: „Kolping ist eine große Chance für die Menschen des schwarzen Kontinents.“

  

Bildungsarbeit

  

Schon 1971 gründete Gerhard Fischer das Kolping-Bildungswerk, um die religiöse, politische, soziale und allgemeine Bildungsarbeit in den Kolpingsfamilien anzuregen und sie auf eine tragfähige organisatorische Grundlage zu stellen.

Bildungsarbeit ist ein wesentliches Element der Kolpingarbeit. Schon Adolph Kolping hat sie zu einer der wichtigsten Aufgaben seines Gesellenvereins erklärt als Instrument zur umfassenden Menschenbildung, der „Herzensbildung“, wie er es selbst nannte. Er wollte, daß die Menschen seiner Gesellenvereine zu eigenverantwortlichen und zur Gemeinverantwortung fähigen Persönlichkeiten geformt werden, die das als Anlagen und Fähigkeiten in ihnen verborgene Gut hervor- und zur Entfaltung bringen. Durch Bildung sollten sie sich dem Bild annähern, daß Gott, der Schöpfer, dessen Ebenbild sie sind, sich von ihnen gemacht hat. Nur so gebildete Menschen vermögen auch den Auftrag der Weltgestaltung und Mitwirkung am Aufbau einer gerechten und menschenwürdigen Gesellschaft auszuüben.

Kolping wollte, und dies hat Gerhard Fischer aufgegriffen und immer wieder deutlich gemacht, daß die Kolpingsfamilien zu „wahren Volksakademien im Volkston“ werden, in denen sach- und fachkundig, aber in der Sprache der Menschen Bildungsarbeit - Jugend- wie Erwachsenenbildung - stattfindet. Eine Kolpingsfamilie ohne Bildungsarbeit ist keine Kolpingsfamilie. Gerhard Fischer selbst hat sich in ungezählten Vorträgen vor Ort engagiert, über 13 Jahre die Gruppenleiterschulungen der Kolpingjugend geleitet und die Kolpinggemeinschaften in ihrer Bildungsarbeit beraten und unterstützt. Er hat so persönlich ganz wesentlich dazu beigetragen, daß im Verband Jugend- und Erwachsenenbildung einen hohen Stellenwert gefunden, das Kolpingwerk in der Öffentlichkeit zu einem anerkannten Träger von Bildungsarbeit geworden ist.

  

Aktion für das Leben

  

Gott will, daß der Mensch lebt - jeder Mensch, in all seinen Lebensphasen. Mit dem Faktum der hunderttausendfachen Abtreibung in unserer Gesellschaft darf sich kein Christ abfinden. Er muß vielmehr alles tun, um Abtreibungen zu verhindern, ihre Ursachen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aufdecken und bekämpfen sowie das Bewußtsein für das erste aller Menschenrechte, das Recht auf Leben, das auch Grundlage unserer staatlichen Ordnung ist, fördern. Angesichts der von der sozial-liberalen Regierung durchgesetzten Fristenlösung, die später vom Bundesverfassungsgericht verworfen worden ist, setzte Gerhard Fischer am 9. Mai 1976 im Rahmen der Großtagung ein öffentliches Zeichen mit der Gründung der „Aktion für das Leben“, um schwangeren Frauen in Konfliksituationen unbürokratisch, menschlich, diskret Hilfe zum Leben, zum eigenen und dem ihres Kindes, zu geben.

In den zurückliegenden 26 Jahren hat Gerhard Fischer als Vorsitzender des Vereins, mit großer finanzieller Unterstützung der Kolpingsfamilien, in vielen seelsorgerlichen Gesprächen und mit gewährten finanziellen Mitteln Frauen zu einem Ja zu ihrem Kind bewegen können. Er hat mit der Aktion für das Leben ein Zeichen gesetzt, wie Kirche direkt und unmittelbar, ohne Verurteilungen, Schuldzuweisungen und andere Vorbehalte mit den schwangeren Frauen das Leben ihrer Kinder retten kann.

Die Zeichen der Zeit erkennend, hat er 2001 die neuen Herausforderungen und Bedrohungen des menschlichen Lebens in den Blick genommen: Mit den Veranstaltungen zum 25jährigen Jubiläum der „Aktion für das Leben“ und der großen Unterschriftenaktion hat das Kolpingwerk in Gesellschaft und Kirche für die neuen Gefährdungen des menschlichen Lebens und der Menschenwürde durch den Mißbrauch der Humangenetik und das „therapeutische“ Klonen senibilisieren können.

 

Vieles wäre noch zum Lebenswerk von Gerhard Fischer zu sagen: Sein Engagement für die Jugend, insbesondere eine zukunftsfähige Kolpingjugendarbeit, sein priesterliches Wirken in Verkündigung, Liturgie und Seelsorge. Vielen war und ist er Gesprächspartner und Beichtvater in Lebens- und Glaubenskrisen und bei erfahrener, das Leben und die Zukunft verdunkelnder Schuld. Zu nennen ist auch sein menschlicher, freundschaftlicher Umgang mit Mitarbeitern, für deren Sorgen, Zwänge und Nöte er stets offen und verständnisvoll ist.

Sein Engagement für das Kolpinghaus Kaiserslautern und seine Zukunft als das Begegnungs- und Bildungszentrum des Kolpingwerkes darf nicht vergessen werden. Der Wert dieses Hauses für den Diözesanverband kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Am Ende soll ein Blick auf das Ereignis stehen, für das Gerhard Fischer zwei Jahre lang gearbeitet und mit dem er sich in ganz besonderer Weise persönlich identifiziert hat:

Die Kreuzwallfahrt wurde zur größten Veranstaltung in der Geschichte des Diözesanverbandes, zu einem der bemerkenswertesten Ereignisse der letzten Jahrzehnte im deutschen Kolpingwerk. Fast alle Kolpingsfamilien wirkten mit durch die Anfertigung eines eigenen Kreuzes, das sie zur Wallfahrt nach Speyer mitbrachten. Die Vielgestaltigkeit der Kreuze bewies, daß sich die Kolpingsfamilien in den Monaten zuvor intensiv mit Gestalt, Bedeutung und Aktualität des Kreuzes auseinandergesetzt hatten:

  

Das Kreuz - Zeichen der Hoffnung - Zeichen des Heils.

  

Das Bekenntnis zu Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, ist Bekenntnis zu Fundament und Mitte des Kolpingwerkes. Das Bekenntnis der Kreuzwallfahrt aber ist Bekenntnis zu dem, der Zukunft schafft, hoffnungsfrohes Bekenntnis des Verbandes zu seiner eigenen Zukunft.

„Wer solidarische Menschen will, muß ihnen den Himmel öffnen“ (Paul M. Zulehner). Dies geht aber nur in der Spur und Lebensweise Jesu. Gerhard Fischer war und ist unermüdlicher Zeuge dieser Wahrheit. Dafür sagen wir ihm Dank. Und hoffen, daß er uns noch lange Zeit - auch nach Aufgabe seines Amtes als Diözesanpräses - dieses Zeugnis geben kann und uns ermutigt, die Lebensweise Jesu zu wagen, weit in das 3. Jahrtausend hinein.