Bericht über das Workcamp der Kolpingjugend in Formiga / Brasilien vom 9. Juli bis 8. August 1999

 

Zielsetzung und Ergebnisse:

Wir, eine Gruppe von sechs jungen Menschen aus Rohrbach, Grünstadt, Dirmstein, Frankenthal und Bad Bergzabern, haben auf Urlaub und Ferien verzichtet, um in einem Weiler der Stadt Formiga, Bundesstaat Minas Gerais, gemeinsam mit brasilianischen Freunden ein Bildungs- und Sozialzentrum der Kolpingsfamilie Sao Sebastiao da Fazenda Velha auszubauen. Wir wollten damit ein Zeichen der Solidarität setzen zwischen Menschen aus Europa und Südamerika, zwischen Kolpingschwestern und -brüdern aus Deutschland und Brasilien. Wir wollten mit anpacken und der Kolpingsfamilie bei einem Projekt helfen, das den Menschen ihrer Region Zukunftsperspektiven und Hoffnung auf Verbesserung ihrer sozialen Situation geben soll.

Einsatzort unserer Gruppe war das Hinterland der Millionenstadt Belo Horizonte. Im Umkreis der Kleinstadt Formiga, in dem das gesamte Leben ausschließlich von den wenigen Arbeitsplätzen geprägt ist, die von Großgrundbesitzern mit ihren für deutsche Verhältnisse riesigen Ländereien abhängen, leben viele Menschen völlig zersiedelt. Einige dieser Menschen überleben als Tagelöhner der Großgrundbesitzer, andere von einer kleinen "Subsistenzwirtschaft".

Obwohl das Überleben in dieser Region recht schwierig ist, ist es für die Menschen doch die einzige Alternative zu einem "menschenwürdigen Leben". Die Abwanderung in die Elendsviertel der Millionenstadt Belo Horizonte ist die schlechteste aller Alternativen. Dort gibt es keine entsprechenden Arbeitsplätze und das Netzwerk der Solidarität - die Großfamilie - kann nicht mehr helfen.

Das Kolpingwerk mit seinen 11 Kolpingsfamilien rund um Formiga unternimmt deshalb alles, um den Menschen das Überleben in dieser ländlichen Region zu erleichtern. Nicht zuletzt durch die finanzielle Unterstützung des Kolping-Diözesanverbandes Speyer wurden bereits mehrere Projekte realisiert, die zum Ziel hatten, Arbeitsplätze in der Region zu schaffen. Beispielsweise wurde ein Projekt zur Verarbeitung von Maniok aufgebaut, von dem fast 20 Familien leben.

Das mit unserer Hilfe nun fertiggestellte Kolping-Sozialzentrum in Sao Sebastiao da Fazenda Velha, einem Weiler der Stadt Formiga, in der 200 Familien leben, arme Bauern und Fischer, die mit den geringsten materiellen Mitteln auskommen müssen, soll sowohl für die Aktivitäten der Pfarrei als auch für Bildungsmaßnahmen der Kolpingsfamilien des Umkreises verwendet, weiterhin durch alle anderen Bewegungen der Region genutzt werden. Sowohl die lokale Genossenschaft, als auch die Stadtverwaltung werden das Zentrum nutzen.

Wir hatten später Gelegenheit, uns in Rio de Janeiro vom Ergebnis des Arbeitseinsatzes zu überzeugen, den eine erste Gruppe von Mitgliedern der Kolpingjugend aus dem Bistum Speyer dort 1998 durchgeführt hatte. Das im Vorjahr erstellte Bildungszentrum wurde von der Kolpingsfamilie umgehend fertiggestellt. Es ist voller Leben. Neben der aktiven Kolpingarbeit ist es ein offenes Begegnungszentrum für eine Vielzahl von Aktivitäten des armen Stadtteils. Als einziger Anlaufpunkt treffen sich hier viele Jugendliche, und aus der Kolpingsfamilie kommt "die beste Kolpingjugendgruppe Brasiliens", wie Mitglieder des Kolping-Nationalverbandes urteilen. Verschiedene Selbsthilfekurse, vor allem für Frauen, werden im Raum angeboten, und seit Beginn dieses Jahres nehmen 45 Personen (von 15 bis 60 Jahren) an einem videounterstützten Kurs teil, mit dem der Grundschulabschluß nachgeholt wird. Einen ähnlichen Aufschwung erhoffen wir für das von uns mitgestaltete Kolpingzentrum in Formiga.

Der Rohbau des Kolping-Sozialzentrums wurde 1996 von Mitgliedern der Kolpingjugend Diözesanverband Regensburg errichtet. Gemeinsam mit brasilianischen Bauhandwerkern konnten wir nun den Bau vollenden. Wir führten in drei Wochen vor allem die komplette Elektroinstallation, aber auch Verputz- und Malerarbeiten aus. Die Projektkosten, Baumaterialien und Löhne der brasilianischen Arbeiter, aber auch die erste Ausstattung des Bildungszentrums mit einfachen Möbeln wurden von der "Aktion Brasilien" des Kolpingwerkes Diözesanverband Speyer finanziert.

Die tägliche Zusammenarbeit am Bau, die Begegnungen mit den Menschen Formigas und den Kolpingsfamilien der Umgebung waren ein ständiger Prozeß des gegenseitigen Lernens und Verstehens. Wir lebten und arbeiteten, beteten und feierten mit den Menschen Brasiliens, hatten Teil an ihrem Leben, ihrer Freude und ihren Problemen. Mit unserem Arbeitseinsatz wollten wir den Menschen vor Ort zeigen: Wir nehmen Anteil an eurem Leben, wir unterstützen euer soziales Engagement mit unserem Herzen und unserer Hände Arbeit. In Brasilien stehen alle handwerklichen Tätigkeiten am untersten Ende der sozialen Hierarchie. Daß wir junge Europäer nach Brasilien kommen und handwerkliche Arbeit leisten, um solidarisch Menschen zu helfen, hat großen Eindruck hinterlassen. Das Abschiedsfest zeigte, wie in drei Wochen zwischen Menschen zweier Kontinente herzliche und tiefe Bande wachsen können. Da sind schon Tränen geflossen - auf beiden Seiten.

 

Erfahrungen und Erkenntnisse:

Die Eindrücke, die wir in der kurzen Zeit gesammelt haben, können mit Worten und Bildern nicht beschrieben werden. Am meisten machte uns die Herzlichkeit der Brasilianer sprachlos. In wenigen Wochen hat sich viel bewegt - unsere brasilianischen Freunde werden wir wohl nie vergessen.

Wir jungen Erwachsenen kamen in ein Land, das, so der Zentralpräses des Kolpingwerkes Brasilien, Paulo Link, "überreich ist, aber seine Bewohner verachtet und den langsamen Tod des Elends sterben läßt, dessen Präsident durch die Welt fährt, um zu glänzen und zu strahlen, aber vergißt, dass von den 160 Millionen Menschen, die in seinem Lande leben, ein Drittel über keinen oder nur einen Dollar pro Tag verfügt, hungert oder krank ist. Dies ist himmelschreiend. Folge einer gedankenlosen Gottvergessenheit und brutalen Menschenverachtung. Erdbeben, Vulkanausbruch und Überschwemmung in einem, und es stirbt immer einer zuviel, zu früh, zu überraschend und zu gewaltsam." Wir haben Armut und Not in Brasilien gesehen. Sehr deprimiert haben uns die Tage in den Großstädten, wo die Kluft zwischen Arm und Reich gigantisch groß ist und Millionen von Menschen in Favelas (Slums) überleben müssen.

Die Kolpingsfamilien in den kleinen Dörfern rund um Formiga sind der Mittelpunkt des sozialen Lebens. Auch für das kirchliche Leben und für die Arbeit der wenigen Geistlichen - die sechs Priester von Formiga haben Gemeinden in einem Bezirk der Größe des Bistums Speyer zu betreuen - ist das Kolpingwerk eine große Hilfe. Da der Priester meist nur einmal im Monat selbst mit den Menschen Eucharistie feiern kann, ist er auf die vielen engagierten Laien angewiesen, die mithelfen, die Pfarrei zu betreuen. Wir konnten feststellen, daß dort, wo es Kolping gibt, das religiöse Leben aufblüht.

Die sprachliche Verständigung war nicht immer einfach. Da bereits zwei Mitglieder 1998 in Rio mitgearbeitet hatten und zwei weitere Mitglieder spanische bzw. portugiesische Sprachkenntnisse besaßen, konnte im großen Ganzen die sprachliche Hürde gut genommen werden.

Die Verantwortlichen des Kolpingwerkes in Deutschland und in Brasilien haben die notwendigen und guten Rahmenbedingungen des Einsatzes hergestellt. Daß nicht immer alles idealtypisch verlaufen ist, z.B. die Gruppe auf der Baustelle manchmal gerne mehr gearbeitet hätte, als möglich war (weil die Baumaterialien nicht rechtzeitig geliefert werden konnten), ist kein Kritikpunkt, sondern eine Erfahrung, die wir gemacht haben: In Brasilien macht sich niemand "Streß", wenn keine Arbeit da ist. Uns wäre es manchmal mit uns selbst leichter gewesen, wenn wir mit Arbeit nur so eingedeckt gewesen wären.

Ein herzliches Wort des Dankes sagen wir dem Kolpingwerk Diözesanverband Speyer, namentlich Diözesanpräses Prälat Gerhard Fischer, der uns diesen Aufenthalt mit seinen unvergeßlichen Impressionen und Lebenserfahrungen ermöglicht hat. Ein besonderer Dank gilt auch Georg Schlachtenberger, Köln, dem Projektreferenten des Internationalen Kolpingwerkes, Zentralpräses Paulo Link und seinen Mitarbeitern, Sao Paulo, und den Verbandsverantwortlichen in Belo Horizonte und Formiga, die die organisatorischen Voraussetzungen geschaffen und die Kommunikationswege sichergestellt haben. Vor allem die Koordinatorin von Formiga, Vitoria Ramos, aber auch der Koordinator Gerson von Belo Horizonte haben sich großartig für uns eingesetzt.

 

Schlußfolgerungen:

Für künftige Einsätze sollten die Teilnehmer/innen durch Sprachkurse in Portugiesisch vorbereitet werden. Es ist für eine Einsatzgruppe, auch im Blick auf die Beziehungen innerhalb der Gruppe, hilfreich, wenn sie bei einem Arbeitseinsatz immer genügend zu tun hat.

 

 

Kaiserslautern, den 20.10.1999

gez. Carsten Leinhäuser